Was mich beschäftigt…

 

Okay, mein Leben und mein Blog mag vielleicht nicht vor Aktualität, politischen Ansichten oder Porn pure (hiermit habe ich mir bestimmt Millionen Hits per Google gesichert) strotzen, aber die Sozialkritik, so man es mir denn unterstellen sollte, fehlt keinesfalls.

 

Da ist dieser Mann, grau, faltig, still. Er liegt den gesamten Tag nur in seinem Bett, ausgenommen die zehn Minuten, die die Physiotherapeuten sich nehmen, um mit ihm über den Stationsflur zu schleichen.

 

Er ist mehr das Abbild seiner Leiche- eingefallene Wangen, starre Augen, die in die Unendlichkeit blicken und zerzauste, graue Haare, die das Grau seiner Haut noch verstärken.

 

Er redet viel, nur nicht viel, das man versteht. Meist sind es zusammenhanglose Worte, Silben, Ausrufe. Manchmal aber sind es Ausschnitte aus seinem Leben- er erzählt in Gegenwartsform. Ich bin dabei, wie er “seinem Stab” befiehlt, im Nebenzimmer zu warten, wie er im Nebenbett seine Frau erkennt und ihr immer und immer wieder einen Heiratsantrag macht. Wie er sich um sie kümmern will, wenn es ihr augenscheinlich nicht gut geht.

 

Manchmal spricht er mich an, wenn ich sein Bett mache, sein Gesicht rasiere, ihm eine neue Windel bereite und versuche, sein Leben im Bett so angenehm wie möglich zu bereiten.

 

Er will es mir danken, weiß aber nicht wie. Manchmal schüttelt er mir die Hand, manchmal fragt er mich, was er mir schulde. Einmal hat er mir eine seltene Abfüllung eines Weines versprochen. Er sei von Hermann Göring, 156 Mark sei er teuer gewesen. Ich weiß nicht, ob es diesen Wein wirklich gibt, ob er wirklich von diesem Menschen sei, ob er wirklich 156 Mark gekostet hat.

 

Wahrscheinlich weiß er es selbst nicht, denn der Mann leidet an einem “Durchgangssyndrom“:

 

Bei seiner Operation hat das Gehirn wahrscheinlich, so vermuten es diverse Experten, zu wenig Sauerstoff bekommen, woraus sich eine Psychose entwickelt hat. Die Ausmaße sind nicht bekannt, da sich niemand für ihn interessiert. Niemand weiß, wie lang er noch an seiner Psychose, wahrscheinlich eine transitorisch-globale Amnesie, leiden mag. Niemand weiß, ob er es sich überhaupt noch jemals ändern wird.

 

Er wird als dement bezeichnet, und auch, wenn er das wirklich ist, ist er noch ein Mensch, wie jeder andere.

 

Nur leider ist er ein Gefangener. Er ist mit Gurten und Handfesseln an dieses Bett fixiert, die Begründung ist verständlich: Er schlägt um sich, tritt, zieht sich die Flexülen aus dem Arm, zieht sie seiner vermeintlichen Frau aus dem Arm. Er ist eine Gefahr für seine Gesundheit und die der anderen. Sofern sich sein Zustand ändert, das heißt, er erkennt, wo, wer und wann er ist, was er macht und was die Folgen seines Handelns sind, wird er bald wieder seiner Fesseln befreit.

 

Doch was, wenn es nicht so ist?

 

Und was, wenn ich mich morgen weigere, ihn zu fesseln?

 

 

 

 

Satz des Tages:

 

Frauen suchen versteckte Botschaften, die Männer nie schicken.

Frauen schicken versteckte Botschaften, die Männer nie suchen.

 

Albert F. Johnson

 

 

 

Song des Tages:

 

Starsailor – Alcoholic

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