Anna und der Vampir

Ein Schrei durchschnitt das Dunkel der Nacht. Mit einem Mal war die Stille der Lebendigkeit gewichen. Die Lebendigkeit, die mein Körper erzeugte, indem er mit einem Sprung aus dem Bett wagte, ins Kinderzimmer lief und das Licht einschaltete. Der ganze Ablauf dieser Bewegung war keiner Planung unterworfen- er war purer Reflex.

Vor mir, auf dem Teppichboden, lag Anna. Sie hatte Tränen in den Augen und schaute mich von unten heran an. Sie wusste, dass ich mir Sorgen gemacht hatte, dass ich in Panik aufgewacht war. All das sagten mir ihre Augen, ihre Mimik. Und das Lächeln, das über den Schmerz hinwegtäuschen sollte, den der kleine Körper gerade erfuhr. Sie gab sich tapfer und unverletzlich. Doch es war das genaue Gegenteil zu dem Anblick, den sie lieferte.

„Was ist denn hier los?“ Meine Stimme klang nicht ermahnend, wütend oder scheltend. Sie war gefüllt von Angst.

„Ich wollte fliegen.“ Sie rappelte sich auf. Um die Worte noch zu verstärken, schlang sie die Decke, die sich im Fallen über sie gelegt hatte, um ihre Schultern und ahmte einen Umhang nach.

„Du bist aber nicht Superman. Superman kann fliegen. Aber nicht du!“

Sie schüttelte energisch den Kopf. Die Schmerzen waren nun verschwunden, denn sie musste ja ihrem Vater erklären, dass sie gar nicht Superman sein wollte.

„Ich bin nicht Supermann. Ich bin ein Vampir.“ Sie versuchte die Zähne zu fletschen, aber es sah mehr danach aus, also wollte sie Sabberfäden daran hindern, ihre Unterlippe entlang zu kriechen und dann auf dem Boden aufzukommen. „So wie der kleine Vampir aus dem Fernsehen.“

Wir hatten diese Serie heute das erste Mal gesehen. Anna hatte sich sofort für den kleinen, rebellischen Vampir begeistern können und das Ergebnis dieser Begeisterung hing nun um ihre Schultern beziehungsweise würde sich zu einem beachtlichen blauen Fleck am Knie entwickeln.

„Und weil der kleine Vampir fliegen kann, denkt die kleine Anna, dass sie auch fliegen kann.“

Sie grinste über das ganze Gesicht. Nein, sie strahlte. Die Augen widerspiegelten die Freude an der Idee, die ihren ganzen Körper gepackt hatte.

„Klar!“ Eine simple Antwort auf eine sarkastische Bemerkung. Ich versuchte schon seit langem, mir den Zynismus, den mein Beruf mit sich brachte, vor der Haustür abzustellen, aber es gelang nie so recht. Und immer wieder wurde der Zynismus, jede Art von Sarkasmus und Spott zerschmettert, wenn er einfach nicht von den kleinen Kinderohren als solcher wahrgenommen wurde und somit einen einsamen, unbedeutenden, unbeachteten Tod im Raum starb.

„Anna, komm mal her.“ Sie kam nicht, sie flog. Nur, dass sie die Beine dabei auf der Erde behielt und das Geräusch der vorbeizischenden Luft mit den Lippen imitierte.

„Du bist nicht so ein kleiner Vampir, wie der im Fernsehen heute.“ Die kleinen Kinderaugen waren weit geöffnet in Erwartung einer verständlichen Antwort.

„Der kleine Vampir aus dem Fernsehen ist doch viel größer als du, oder? Bestimmt doppelt so alt, nicht wahr?“ Ein Aufscheinen von Nachdenken huschte über das Gesicht mit den verwuschelten Haaren. Dann folgte ein Nicken und wieder warteten die kleinen Kinderaugen weit aufgerissen auf eine ordentliche Begründung.

„Und ganz kleine Vampire, so wie du einer bist, können noch gar nicht so fliegen wie die großen Vampire. Das ist wie mit den Vögeln. Erinnerst du dich an die kleinen Küken, die wir im Frühling im Garten gefunden haben?“

Sie nickte sehr energisch und sagte mit einem ernsten Tonfall:

„Weil die zu klein waren, sind die aus dem Nest gefallen. Weil die konnten noch nicht fliegen, denn die waren noch zu klein zum Fliegen.“

Ich strich ihr über das Haar und legte sie wieder in ihr Hochbett, von dem aus sie ihren kleinen Probeflug gestartet hatte.

„Genau, die waren noch zu klein. Und du bist auch noch zu klein zum Fliegen. Du musst erst noch größer werden, damit du fliegen kannst wie der kleine Vampir.“

Sie grübelte über die Worte, wägte ab, ob die Argumente, die ich vorgebracht hatte, auch wirklich zutreffen konnten. Dann verzog sie ihren Mund, grinste schief und sagte:

„Dann muss ich noch warten. Aber war der kleine Vampir denn auch so klein wie ich? Und durfte er da auch noch nicht fliegen?“

Ich deckte sie wieder mit ihrem Umhang zu und gab ihr einen Gutenachtkuss.

„Wir können ihm ja morgen einen Brief schreiben, dann können wir ihn fragen, ja?“

Sie nickte, rieb sich die Augen, drehte sich auf die Seite und zog ihr liebstes Kuscheltier, einen braunen, schon sehr mitgenommen aussehenden Teddy zu sich heran.

Ich schaltete das Licht aus und ließ den kleinen Vampir leise durch den Raum gleiten.

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