Anna und das Ferkel

„Erzählst du mir noch eine Geschichte?“

Anna hatte sich die Decke bis unter das Kinn gezogen, neben ihrem Kopf, der als einziges verriet, dass sich unter diesem Berg von Federn noch ein Körper versteckte, lugte noch Hasi, ihr Stofftier hervor.

„Was soll ich dir denn für eine Geschichte erzählen?“

Sie überlegte, drehte ihren Kopf- soweit es möglich war- zu Hasi, hielt imaginäre Zwiesprache mit ihm, und schaute mich aus müden, erwartungsvollen Augen an.

„Erzähl mir von Ferdinand.“

Ich atmete tief ein. Wer war gleich noch Ferdinand? Ich erzählte ihr in letzter Zeit immer mehr Geschichten, mit immer neuen Charakteren…

 

„Ferdinand, das Ferkel, drehte wieder einmal eine Runde über den Hof. Der Hof war groß, riesig. Da hinten, ganz hinten in der Ecke war der Hühnerstall mit dem eingezäunten Hof davor, auf dem die Hühner immer wieder nach ihrem Futter suchten, dass die Bäuerin immer morgens vor dem Sonnenaufgang mit weiten, ausholenden Würfen auf der Erde verstreute. Da neben, in der anderen Ecke des Hofes war der Stall, in dem Ferdinand, seine vier Brüder, seine Mama und sein Papa wohnten. Hier, auf der linken Seite, genau gegenüber des Stalls war das Haus der Bäuerin und des Bauers, die mit ihren Kindern darin lebte, und auf der anderen Seite, gegenüber des Hauses und gegenüber des Hühnerstalls war die alte, gruselige Scheune. Die Mama von Ferdinand sagte immer, dass darin das Heu vom Sommer gelagert wurde. Für die Kühe und die Pferde, die nicht hier auf dem Hof wohnten, sondern ein wenig weiter außerhalb in einem anderen, viel größeren Stall. Ferdinands Bruder, Fridolin, sagte immer, dass es in der Scheune spuken würde, denn darin wohnte ein Geist. Und dass der Geist gern neugierige kleine Ferkelchen auffressen würde. Aber Ferdinand war ein mutiges Schweinchen. Und irgendwann würde er bestimmt mal nachschauen gehen. Da war er sich sicher.

Wie Ferdinand nun so über den Hof tappste, mal hier und mal dort schnüffelte und sich in dieser und jener Schlammpfütze wälzte, kam die kleine Feldmaus vorbei. Ferdinand kannte die Feldmaus schon eine Weile. Sie war eines Tages in den Stall gekommen, als es sehr, sehr stark geregnet hatte und hatte da ihr Fell ausgeschüttelt und sich an Ferdinand, der faul im Stroh gelegen hatte, gekuschelt, denn ihr war kalt.

‚Hallo, Ferdinand, wie geht es dir?’, sagte die kleine Maus und schaute dabei zu, wie Ferdinand sich im Schlamm hin und her drehte, bis seine rosa Schweinchenhaut ganz braun war. ‚Danke, Maus, mir geht es gut. Ich schnüffele schon den ganzen Tag hier über den Hof. Aber mir ist ein wenig langweilig. Wollen wir Fangen spielen?’ Die Maus schüttelte sich und ihre vielen kleinen Härchen standen weit vom Fell ab. Sie hob ihre kleine schwarze Stupsnase in die Luft und schnupperte einen Augenblick. ‚Nein, lieber nicht. Es gibt gleich Regen und da erkälte ich mich bestimmt. Ich geh mal rüber in die Scheune und werde mir dort einen warmen Platz zum Schlafen suchen, denn ich bin die ganze Nacht über das Feld gekrabbelt. Kommst du mit?’, piepste die Maus.

Ferdinand grunzte kurz. Er dachte an seinen Bruder und an den Geist, der in der Scheune wohnte und kleine Ferkelchen fraß. Vielleicht fraß er ja auch kleine Mäuschen?

‚Nein, lieber nicht, da in der Scheune ist ein böser Geist. Hat Fridolin gesagt. Und der frisst kleine Ferkel. Und bestimmt auch kleine Mäuse. Geh da lieber nicht hin.’ Die Maus piepste vergnügt. ‚Hihi, Ferdinand, da ist doch kein Geist in der Scheune.’ Ferdinand rümpfte den Rüssel. ‚Bist du sicher, kleine Maus?’, grunzte er ein wenig ängstlich.

‚Ganz sicher. Komm, ich zeig es dir.’ Und die Maus huschte Richtung Scheune.

Ferdinand stand aus seiner Pfütze auf und überlegte. Sollte er nun mit der Maus gehen? Aber wenn da doch ein Geist war? Er konnte aber auch die Maus nicht einfach allein gehen lassen. Denn die Maus war ja sein Freund. Und Freunde ließ man nicht im Stich. Das wusste auch Ferdinand. Also gab er sich einen Ruck und tappste hinter der Maus hinterher.

‚Warte, Maus, ich kann nicht so schnell.’, grunzte er der Maus hinterher, die schon fast an der Scheune war.

Die Maus hielt an und drehte sich zu Ferdinand um.

‚Komm, Ferdinand, hier geht es rein.’ Und sie verschwand in einem winzigen Loch in der Mauer. Doch das Loch war viel zu klein für ein so dickes Ferkel wie Ferdinand, trotzdem schnüffelte er daran und versuchte, dort durch zu kommen. Nein, das passte wirklich nicht, gerade mal sein Rüssel passte durch das Loch in der Mauer.

‚Maus, komm wieder zurück, da passe ich doch nicht durch!’, rief er ihr durch das Loch hinterher.

Die Maus kam zurück und piepste lachend. ‚Hihi, du dickes Schweinchen. Dann müssen wir dir ein Loch suchen, durch das du auch passt.’

Und sie liefen zusammen an der Mauer entlang. Irgendwann fanden sie ein Loch im großen Holztor, durch das auch Ferdinand passen würde.

‚Meinst du wirklich, Maus, dass wir da rein gehen sollten?’ Ferdinands Ringelschwänzchen zitterte vor Angst.

Die Maus nickte mutig und meinte: ‚Klar, uns kann nichts passieren, denn ich kenne den Geist, der darin wohnt. Und der tut dir nichts, das verspreche ich dir.’

Die Maus hatte Ferdinand noch nie angelogen und so tappste er durch das Loch im Tor hinein in die dunkle, alte, gruselige Scheune.

Darin war alles sehr groß und durch die Löcher im Dach kam Licht von draußen herein. Aber es war noch immer sehr, sehr dunkel.

Und da hinten, in der Ecke, da raschelte es.

‚Oh nein, dass ist der Geist, der will uns fressen, Maus.’, grunzte Ferdinand erschrocken. Aber die Maus lief geradewegs in die Ecke und schnupperte. Sie flüsterte etwas und piepste dann so laut, dass Ferdinand, der ängstlich an dem großen Holztor wartete, es hören konnte:

‚Komm, Ferdinand, hab keine Angst, ich will dir den Geist vorstellen.’ Und sie kam auf Ferdinand zu und hinter ihr, im Heu, da raschelte es nun noch mehr.

‚Nein, Maus, ich traue mich nicht.’ Da piepste die Maus: ‚Na gut, wenn der Ferdinand nicht zum Geist kommt, muss der Geist eben zum Ferdinand kommen.’ Da setzte sich ein kleines Büschel Heu in Bewegung und kam langsam auf Ferdinand zu gekrochen. Daneben krabbelte langsam die Maus.

‚Ferdinand, darf ich dich mit dem Geist aus der Scheune bekannt machen? Das ist Ingo, der Igel.’ Und aus dem Büschel Heu kam langsam ein stacheliger Igel gekrochen. Ferdinand, der eben noch so erschrocken war, kam nun näher und schnüffelte an dem komischen, stacheligen Dings. So etwas hatte er noch nie gesehen. Da waren überall Stacheln, an denen man sich stechen konnte. Nur vorn schauten zwei schwarze Knopfaugen und eine schwarze Nase hervor. Wie bei der Maus.

‚Hallo Igel’, grunzte Ferdinand. ‚Hallo Ferkel’, brummte der Igel.

‚Du bist also der Geist aus der Scheune?’

‚Ja, ich bin der Igel aus der Scheune. Manchmal erschrecke ich deinen Bruder, wenn der mich ärgern will. Deswegen denkt er, ich bin ein Geist. Aber die Maus hat gesagt, du bist ein liebes Schwein. Also werde ich dich nicht ärgern’, brummte der Igel.

‚Das ist nett von dir, Igel. Und ich werde meinem Bruder nicht erzählen, dass es hier gar keinen Geist gibt’, grunzte Ferdinand.

‚Das ist nett. Dann kann ich ja in Ruhe meinen Winterschlaf hier halten’, brummte der Igel, krabbelte in sein Heubüschel zurück und kroch dann langsam wieder in die Ecke, aus der er gekommen war.

‚Siehst du, Ferdinand, du bist ein mutiges Ferkel’, piepste die Maus und kuschelte sich an Ferdinand, der sich auf einem weichen Heuballen niedergelassen hatte. Und sie schliefen beide ein und grunzten beim Schlafen um die Wette.“

 

Anna, die ihre Wange an Hasi gekuschelt hatte, atmete tief. Auch sie schlief. Und ab und zu grunzte sie wie ein kleines Ferkelchen im Schlaf.

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