Eine kleine Gutenachtgeschichte

Die Nacht scheint durch mein Fenster hinein. Ich sitze an meinem Tisch, vor meinem Computer, tippe eifrig alles in die Tastatur, was die Stimme mir sagt. Wie gebannt starre ich auf den Monitor, bin auf jedes weitere Wort gespannt, dass sich dort im Texteditor ergießt.

Sie sitzt schon seit Stunden neben mir, im Sessel. Trinkt einen Tee nach dem anderen. Am Anfang unterhielten wir uns noch. Dann wurde sie still. Ich hörte auf zu fragen und wir saßen stumm im Raum. Es war schön, harmonisch, ruhig.

Irgendwann machte sie sich einen Tee, ging aber nicht in ihr Zimmer, sondern kam zurück zu mir, machte es sich im Sessel bequem. Die Beine angewinkelt und an den Körper gezogen.

Ich tippte die eine oder andere Idee, die mir kam. Manch ein guter Satz, der es wert war, einmal auf dem Monitor aufzuglimmen und dann wieder gelöscht zu werden.

Wir beide taten also nichts. Und das schon seit Stunden. Es hatte sich die Stille eingeschlichen und krallte sich nun im Türrahmen fest, um nicht aus dem Zimmer geschmissen zu werden. Die einzigen Töne, die das akustische Dunkel erleuchteten, waren ihr Schlürfen und mein Tippen.

„Erzählst du mir eine Gutenachtgeschichte?“ Ihre Stimme durchschneidet die Stille. „Ich will nur zuhören.“

Hm. Eine Geschichte. Worüber, frage ich.

„Über das Gute im Menschen. Dass alles irgendwann sich zum Guten wendet. Einfach etwas positives.“

Ich überlege. Ich zweifele. Atme tief ein und aus. Und noch mal ein.

Es war einmal… „Ich will kein Märchen hören. Ich will etwas hören, dass Wahrheit sein könnte.“ Aber Märchen können auch Wahrheit sein. Mein Argument zählt nicht.

Sie saß in der Bushaltestelle. Es schüttete schon seit Stunden, dicke, saftige Tropfen platschen auf das Dach der kleinen Plastikbude, die Menschen hasteten von einer Unterstellmöglichkeit zur anderen, denn der Regen kam unerwartet. Schon seit Wochen hatte es nicht mehr geregnet und die Straßen waren unter Staub verschwunden. Die Erde, die in der Stadt nur noch stellenweise vorhanden, war gerissen und erinnerte mehr an eine Wüstenlandschaft denn eine Küstenstadt.

Dutzende Leute hatten sich schon in die schützende Bude gerettet und erwarteten die wieder einmal verspätete Bahn.

Sie war eingekesselt von einem Haufen Menschen. Direkt vor ihr versperrte der breite Rücken einer alten, sehr alten Frau den Fluchtweg, von links drängte sich der massige, nach Schweiß stinkende Körper eines sehr unangenehmen Menschen ihr entgegen. Im Gegensatz zu ihr schien er die Nähe nicht unangenehm zu finden. Eher im Gegenteil.

Ihre Augen schrieen Hilfe, ihr Körper war dazu nicht mehr in der Lage. Schweißgeruch und noch so manche andere Aromen gestalteten das Atmen schwer.

Durch die Masse sah sie jemanden auf sich zu bewegen. Das Gesicht kannte sie. Hatte sie schon so oft im Hörsaal gesehen und sich dann in Tagträume geflüchtet. Meist mit ihm in der Hauptrolle. Meist wurde sie dann vom Kichern ihrer Kommilitonen wieder in die Realität zurückgerissen und bemerkte selbst ihr komisches, sehnsüchtiges Grinsen.

„Hi.“ Wie cool konnte man wohl eine Begrüßung sagen? Smarter als er es gerade getan hatte bestimmt nicht.

Sie stotterte eine ähnliche Begrüßung hervor, war aber nicht in der Lage, es ebenso cool klingen zu lassen. Es hörte sich ihrer Meinung nach eher nach einem sterbenden Eichhörnchen an.

„Hast du auch kein Bock auf diese Drängelei?“ Sie nickte. Schüttelte den Kopf. Wie antwortet man eigentlich auf diese Frage? Das hatte sie immer noch nicht so raus.

„Da hinten kommt die Bahn, wir sichern uns schnell einen Platz.“ Grinste er sie an. Und tat seine Hand unter ihren Pullover. Ihre Knie wurden ganz weich, dieser Moment sollte ewig dauern. Doch es war gar nicht seine Hand, sondern ihre Handtasche. Hm. Naja. Aber seine Hand war ja an dem ganzen Schauspiel irgendwie beteiligt.

„Können wir mal ganz kurz durch? Achtung, eine Schwangere. Achtung, werdende Mutter. Nun machen Sie doch mal Platz.“ Er drängelte sich durch die Leute und bahnte ihr einen Weg. Die Bahn hielt direkt vor ihren Füßen, das Timing stimmte perfekt und sie eilten hinein und suchten sich Sitzplatze. Die letzten, wie es schien, die ganze Bahn war gerammelt voll von Leuten, die wie feuchte Pudel aus dem Fenster starrten und den Regen still und heimlich verfluchten.

Er saß nah an sie gedrängt und durch eine ungeschickte architektonische Planung des Innendesigns war es ihr nicht anders möglich, als ihren Kopf auf seine Schulter zu legen.

Dieser Regen, die Bahnfahrt, dieser Moment könnte ewig dauern dachte sie so bei sich.

„Spinner!“, meinte sie, krabbelte aus dem Sessel, wuschelte mir durchs Haar und ging zur Tür.

„Frauen sind gar nicht so voll von Klischees, wie du immer denkst. Aber süße Geschichte.“

Ich schaute noch eine Weile in die dunkle Nacht hinter dem Fenster und ließ die Stille im Sessel Platz nehmen.

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