Schach. Schachmatt.

Es ist Mittwoch. Ein Mittwoch wie jede Woche. Für die meisten Menschen ist der Mittwoch nur ein Tag mitten in der Woche.

Für uns ist es „Bergfest“, wobei die grundlegende Definition des Wortes „Bergfest“ nicht ganz auf uns zutrifft. Denn schon in meiner Schulzeit wurde dieser Begriff mit anständigen Sauftouren, kräftigem Würgreiz und so manchem Trinkspiel belegt. Natürlich nicht die Unpässlichkeit am nächsten Tag zu vergessen. Alles zur Feier zum Erreichen der Wochenhälfte.

Doch das hat sich rasch geändert. Anderer Ort, andere Menschen, andere Verhaltensweisen. Jetzt treffen wir uns immer zur gleichen Zeit, mittwochs im Park, auf einer alten Bank. Davor ein alter Marmortisch, auf dem ich dann immer das alte, fleckige Schachbrett, das eigentlich kein Schachbrett, sondern eher ein Schachtuch, ist, aufbaue und zu einer weiteren Partie aufrufe.

Wir sitzen jeden Mittwoch dort, spielen jeden Mittwoch. Es ist egal, welches Wetter ist, die Figuren sind aus Plastik und wir nicht aus Zucker. Er hat darauf bestanden. Das war mein Geschenk an ihn.

Meist saßen wir still, manchmal kommentierte er einen meiner Züge, nahm ihn taktisch auseinander, unterstellte mir unsinnige Manöver und meistens hatte er Recht. Aber wir redeten nahezu nie über wichtige Themen. Einmal redete er über den Tod seiner Frau. Einmal über seine Krankheit, durch die er bald nachfolgen sollte. Und einmal über mich.„Was ist für dich der Sinn des Lebens?“ Seine Stirn lag in Falten. Mehr als sonst. Als grübelte er über den nächsten Zug. Normalerweise grübelte er nie. Er schaute auch nicht auf von seinem, meinem, unserem Schachbrett.

Tat er eh nie.Ich atmete tief ein. So wie immer, wenn ich vorgab, schwer nachdenken zu müssen.„Hm, vielleicht ein guter Job? Geld zum Leben? Eine glückliche Familie, Gesundheit und ein schönes Haus?“ Er blickte auf. Das Blau in seinen Augen ließ mich frösteln, erinnerte mich an Eismeere. Jahrhunderte alt und kalt. Erkaltet vom Leben.

„In der Reihenfolge?“ Er schaute mir direkt in die Augen, wollte mich damit provozieren.

Ich nickte. Verbunden mit einem Zucken der Schultern. Klar. So, wie man sich das halt vorstellt.

„Junge, klär genau deine Prioritäten. Es kommt im Leben nicht darauf an, viel Geld zu machen, seinen Arsch auf eine Ledercouch zu pflanzen, sich die Füße vom Butler schrubben zu lassen. Es kommt nicht darauf an, dass dein Haus zwanzig Zimmer und sieben Bäder hat. Alles völliger Schnickschnack. Worauf es im Leben ankommt, sind die Menschen.“Er schaute wieder auf das Schachbrett und holte zum Zug aus.

„Woher willst du das wissen? Du hast das alles nie gehabt.“

Er hielt mitten im Zug inne, hob seinen Kopf, sein Arm blieb in der Position.

„Ich hatte kein Schloss, kein großes Haus, keinen großen finanziellen oder beruflichen Erfolg. Aber ich hatte eine Familie. Meine Gesundheit. Ich hatte mein Glück. Und das war alles, was ich brauchte. Mehr habe ich nie gewollt. Mehr will ich nicht.“

In seiner Stimme mischte sich Wut mit Enttäuschung.

Er senkte seine Hand, hob seine Dame.

„Das Leben bietet mehr als Geld. Triff Menschen! Und häng nicht immer mit alten Leuten im Park umher. Schachmatt.“ 

Wie konnte ich das nur übersehen… 

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