Das erste Türchen

Heute ist der erste Dezember. Und wer bisher nicht mitgemacht hat, der ist spätestens jetzt Mitglied in einem neuen Verein geworden: Der Verein, der mich mit Weihnachtskrams nervt.Es ist wahr. Schon seit Wochen, eigentlich noch während es bei zwanzig Grad im Schatten Spätsommergewitter auf die Stadt hernieder regnete, standen die Weihnachtsmänner in den Regalen, mit der Intention, mir mein Leben zur Hölle zu machen. Sie grinsten mich an, zeigten mit ihren Ruten auf mich, zeigten ihre mit Spielsachen und Schokolade gefüllten Säcke. Und sie lachten mich aus. Ich konnte es nicht hören, wahrscheinlich isoliert Alufolie Weihnachtsmannlachen sehr gut. Aber ich weiß, dass sie über mich lachten, fröhlich 

„Alle Jahre wieder,

kommen wir zurück,

Fahr’n in Mark und Glieder,

Du Anti-Weihnachtsstück.“

sangen. Und ich kann es nicht ertragen. Diese Weihnachtsdekoration, die schon im September die Schaufenster schmückt und die Ladenregale auffüllt. Nein, ausfüllt.Und heute ist der erste Dezember.Der Tag, an dem die Menschen in Heerscharen ihre Adventskalender knacken. Würden sie es alle zum gleichen Zeitpunkt tun, dann würde wahrscheinlich das dabei entstehende Geräusch einen Tsunami auslösen, der den Nordpol überschwemmt und damit das Weihnachtsmannland in die eisige See spült. Guter Plan. Das versuchen wir nächstes Jahr.Doch dieses Jahr wurde auch ich nicht verschont. Morgens, die Zeitung ist vom nieder rieselnden Nebel draußen ganz feucht und knitterig, mein Kaffee so schwarz, wie die Nacht, die noch außerhalb dieses Zimmers und innerhalb meines Kopfes herrscht, und meine Stimmung kurz über dem Gefrierpunkt. Draußen auch.

Sie ist gerade aufgestanden, ich hörte, wie sie aus dem Schlafzimmer ins Badezimmer stolperte, dann unter großem Fluchen und Schreckensschreien sich im Spiegel betrachtete, dabei das Kopfkissen, das Bett und diese komischen Haarmonster, die ihr immer über Nacht die Haare verwuschelten, in die Hölle wünschte und dann, sich den Schlafsand aus den Augen reibend, in die Küche gestolpert kam.

Sie begrüßte mich mit einem Streichen durch mein (gekämmtes) Haar und murmelte etwas von Haarausfall und Platte. Dann ging sie an den Schrank, der für mich tabu ist. Es befindet sich nicht viel darin, ein paar Töpfe, die noch nie benutzt wurden, ein paar Konserven, die das letzte Jahrhundert unbeschadet überstanden haben und sich nun auf das nächste Jahrhundert freuen, ein paar obligatorisch aufgestellte Mäusefallen und derlei Krams mehr, den niemand braucht. Der Schrank ist für mich Tabu, weil sie einst beschloss, einen eigenen Küchenschrank nur für sich zu brauchen, mit der Begründung: „Das ist jetzt meiner. Der ist für dich tabu.“

Sie ging also zum Tabuschrank und holte etwas heraus. Es war groß, sie versuchte es, hinter ihrem Rücken zu verstecken, aber das misslang natürlich, so klein und zierlich wie sie war. Und es raschelte. Moment.Es raschelte. Plastikfolienrascheln. Rechteckig. Sie stellte mir das Geschenk auf den Tisch. 

„Was ist das?“

„Dummerchen. Rate doch mal.“

„Eine riesige Fliegenklatsche in Form eines Weihnachtskalenders um die doofen Weihnachtselfen damit zu erschlagen?“

„Fast. Es ist ein Adventskalender.“

„Und was soll ich damit?“
„Du warst wohl nie Kind, oder was?“

„Nein, ich bin mit einssiebenundachtzig aus meiner Mutter heraus geklettert und gleich zur Arbeit gegangen. Heidenstress für meine Mutter, aber das Essen stand pünktlich zum Mittag auf dem Tisch.“

„Spinni. Jeden Tag musst du ein Türchen aufmachen und die Schokolade rausnehmen und dich auf den nächsten Tag freuen.“

„Und was mache ich, wenn ich keine Schokolade will?“

„Dann gibst du sie deiner liebsten Freundin.“

„Aber bis ich Chantal sehe ist das Ding doch in meiner Hand schon geschmolzen!“

„Spinni.“

Sie streichelte mir wieder durch die Haare und ging ins Badezimmer. Ich zur Arbeit. Okay, nun hatte Weihnachten auch mich eingeholt. Ein Türchen musste ich unter ihrer Aufsicht schon öffnen, natürlich ging der Schokoladenanteil dieser Freude an sie. Und an mich die Aufforderung:

„Freu dich auf morgen!“ 

Wir werden ja sehen. 

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7 Gedanken zu “Das erste Türchen

  1. R., ich geh mal davon aus, dass du der „ICH“ in diesem Blog bist….. ich mag dieses vorfrühe Weihnachtsgetue im September auch nich… da geb ich dir recht…. aber so langsam kann man sich doch mit Weihnachten anfreunden oder nich? Und der Adventskalender mit seiner typisch – nach-Advent-schmeckenden Schokolade und die ganze Deko überall sind doch bloß Symbole, die die Menschen brauchen…. sie brauchen etwas, was beständig ist, sich nie ändert…. der Alltag sonst ist so konfus, ständig passiert was…. aber Weihnachten kommt jedes Jahr, darauf können sie sich verlassen – das ist doch schön! Ich glaube, dass sie sich deswegen mit aller Kraft an Deko und Bräuchen festhalten, damit diese auch ja nie verloren gehen..

  2. @Susi: Hm, die Identität des „Ichs“ in diesem Beitrag ist vom FBI noch nicht hinreichend geklärt. Ich sage dir entweder bescheid, wenn es was Neues gibt, oder du findest es selbst heraus ;-)
    Und wie unterscheidet sich die Schokolade im Kalender von der Schokolade in der Tafel bitte geschmacklich?
    Und muss Weihnachten denn wirklich schon Ende August kommen?

  3. du, keine Ahnung, wieso die Kalender-schokolade anders schmeckt… vielleicht is das auch wieder nur so eine Einbildung… oder es liegt daran, dass sie eben schon so lange in den Regalen steht…. ;-))
    nein, Weihnachten muss noch nich wirklich Ende August beginnen… das is definitiv zu früh… man könnte meinen, dass den Geschäften nach dem FlipFlop-Boom im Sommer kein weiteres Highlight für die herbstlichen Monate einfällt und sie deswegen Weihnachten mal eben schn vorziehen… aber das würde ja nich fruchten, wenn die Leute nicht auch wirklich schon ihren ersten SchokoWeihnachtsmann im September kaufen würden…. also, es gibt wirklich solche Knackis….! Ich erklär mir das so, dass diesen Leutings Weihnachten einfach viel zu schnell wieder vorbei is und sie die Weihnachtszeit einfach damit verlängern (natürlich voll blöd, wenn man am Heiligabend keinen Lebkuchen oder ähnliches mehr sehen kann…) …. meine Taktik: einfach ignorieren und dann ab Dezember sich langsam daran erfreuen…. versuch´s mal…. Mr.Zwivv, freust du dich denn gar nich auf die Geschenke??? ;-)

  4. @Susi: Geschenke sind schon ne tolle Sache, aber ich will eigentlich gar keine, denn es gibt nichts, was ich wirklich benötige. Das ganze Umhergeschenke ist zwar gut für die Wirtschaft, vielleicht auch für das Ego, aber was bringt es den Menschen, die wirklich ein Geschenk, ein nützliches aber, bräuchten?

  5. eigentlich schenkt man jemandem doch etwas, weil man ihm sagen will, dass man an ihn gedacht hat und man sich freut, dass man den anderen hat….. klar, die Geschenke heutzutage ufern ganz schön aus und erfüllen ihren Zweck nicht mehr so ganz…. aber ich schenke gerne, freu mich, wenn die anderen sich darüber freuen….den bedürftigen Menschen bringt es natürlich nix, wenn wir uns gegenseitig beschenken… aber ich find, man muss das ein bisschen relativieren… ich ess ja auch nicht von heut auf morgen nix mehr, nur weil andere Leute auch nix zu essen haben…. das wär ja quatsch…. denen kann man oftmals anders helfen – mit Spenden und anderen Aktionen…. gehört doch auch zur Weihnachtszeit….. alle Jahre wieder…

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