Das zweite Türchen

Heute ist Samstag, Wochenende. Doch es ist nicht irgendein Wochenende. Es ist das erste Adventswochenende. Die Menschen laufen seit Freitagabend mit blinkenden und Musik spielenden Weihnachtsmannmützen durch die Gegend, drängen sich durch die Straßen, vorbei an Glühweinständen und Massen von Süßkrams und „handgefertigten Kostbarkeiten aus aller Welt“.

Denn es ist nicht nur Adventswochenende, sondern auch Weihnachtsmarkt.

Am Frühstückstisch, ich vertieft in die Morgenzeitung, sie vertieft in ihre vom Haarmonster zerwühlte Frisur, tönen plötzlich unbekannte, noch nie zuvor gehörte Worte durch das Zimmer:

„Ich werde heute die Wohnung dekorieren.“

„Du wirst WAS?“

„Ich hänge ein paar schöne Sachen hier und dort hin, vielleicht mache ich auch ein nettes Gesteck!“

Sie hat noch nie in ihrem Leben etwas Handwerkliches bis zum Schluss gebastelt, ein Beweis dafür sind der Briefkasten ohne Klappdeckel, der bei Regen ein schönes Schwimmbecken und bei Schnee einen tollen zugeschneiten Blumenkasten abgibt. Das Vogelhäuschen wartet noch immer auf einen abstützenden Pfahl, der Zaun erglänzt zur Hälfte in Weiß, zur anderen in modrigem Braun.

„Tu, was du nicht lassen kannst. Aber ich bin in diese Verschandelung nicht involviert.“

„Dann gehst du einkaufen.“

„Hmpf…“  Auch im Supermarkt macht die Weihnachtszeit nicht vor mir halt. Es tönt das eine oder andere vorweihnachtliche Liedgut aus den blechernen Lautsprechern, eingebettet in die Decke, und die Menschen schieben sich mit bleierner Mimik durch die Gänge und behindern meinen Blick mit ihren roten Mützen. Welcher normale Mensch trägt bitte schön beim Einkaufen eine Weihnachtsmannmütze? Ich schiebe mich durch die Gänge, werfe die notwendigen Nahrungsmittel in den Korb, versuche dabei immer die Weihnachtssachen zu meiden. Manchmal ist dies nur durch eine 180Grad Wendung, die selbst Tony Hawk bleich aussehen lässt, möglich, aber ich schaffe es. Jedes Mal. Bis ich neuen Kaffee kaufen will. Espresso mit Milch- oder wie wir es nennen, seit dem Spanienurlaub „Café con leche“- ist mittlerweile zur Notwendigkeit geworden. Nicht mehr nur ein Getränk, nein, Lebensessenz.

Doch direkt neben dem Kaffee-Regal steht das Bataillon an Weihnachtsmännern, ihr Dauergrinsen und ihre Säcke im Anschlag. Ihr macht mich nicht fertig, denke ich mir und greife beherzt zum Kaffee, als mein Blick auf den Fußboden links neben mir fällt. Normalerweise ist jener mit Müll, alten Einkaufsnotizen, manchmal mit Ketchup oder kleben gebliebenen Kunden übersät, doch diesmal steht da ein kleiner Junge, maximal fünf Jahre alt. Mit dem Blick von Sehnsucht in den Augen.

Verdammte kleine Dackelaugen, denke ich, das kann ja wohl nicht wahr sein, dass ich weich werde?

Hm, seiner Kleidung nach, ist seine Familie nicht sehr vermögend, wahrscheinlich trägt er die Sachen schon zum dritten oder vierten Mal auf und hört auf den Namen Jean-Jaques. Und die Mutter heißt Chantalle. Wahrscheinlich…

Ich schnappe mir einen dieser Weihnachtsmänner und renne zur Kasse. Das Gelächter der anderen kann ich mir nicht mehr anhören.Als ich draußen bin, sehe ich eine Frau. Sie sieht ähnlich verlumpt wie der Junge aus. Aber freundlich. Der Kerl, der bei ihr steht, sieht allerdings dem Vorteil eher entsprechend aus. Sie fasst den Jungen bei der Hand und er schiebt den Wagen mit Bier, Chips und Nudeln. In Kantinenmassen.

Als ich bezahlt habe, gehe ich zu der Frau, stecke ihr den Weihnachtsmann zu, mit einem Zwinkern und einem Kopfnicken in Richtung des Kindes und verschwinde wieder. Bevor ich um die Ecke biege, höre ich noch, wie sie freudig ruft: „Guck mal Jeremy, was die Mama hier für dich hat!!!“

Jeremy. Hätte ich mir ja denken können.  Als ich nach Hause komme, ist die Wohnung ein Schlachtfeld, die Opfer Weihnachtsdekorleichen. Ich werde empfangen mit den Worten:

„Erstens: Du hast heut morgen nicht deinen Kalender geöffnet. Und zweitens: Ich habe uns ein gemütliches Weihnachtsheim gebastelt.“Am Abend, wir sitzen bei einem Film und ein paar Flaschen Wein, rennt sie plötzlich, wie vom Tannenbaum gestochen, in die Küche und kommt mit dem Kalender an.

„Nun musst du aber wirklich aufmachen!“

Ich öffne das zweite Türchen, gebe ihr die Schokolade- die leuchtenden Augen haben es nicht anders erwartet- und sehe, dass auf der Innenseite der Tür ein Spruch steht.Gib anderen ein schönes Fest, so feierst du auch am schönsten.  Ich grinse verschwörerisch und hoffe, dass Chantalle nie ihr Schweigen und damit unser Geheimnis bricht.

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