Das dritte Türchen

Es war eine harte Nacht für mich, die erst mit einem Rütteln an der Schulter beendet wurde. Irgendjemand erdreistete sich anscheinend, mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen, hinein in die Welt voll Pein, Leid und Kopfschmerz.

„Nimm deine Hand von meiner Schulter oder du kannst sie separat zur Reparatur bringen“, brummte ich mit heiserer Stimme.

„Mein Gott“, grinste sie, „Du hast vielleicht gestern gesoffen. Deine Stimme ist die von Johnny Cash, wenn du jetzt noch anfängst, Hurt zu singen, dann heule ich bestimmt los.“

„Was weckst du mich so früh am Morgen?“

Ihre Augenbrauen wanderten Richtung Kopfhaut.

„Früh am Morgen? Freund Blase, wir haben Sonntag Nachmittag, halb vier, und du stehst jetzt auf, gehst dir den Gestank aus Poren waschen, wir machen zusammen ein nettes Adventskaffeetrinken!“

„Ein WAS? Du wirst auf deine alten Tage immer wunderlicher…“

Ich rolle mich aus dem Bett, krieche auf dem Fußboden zum Badezimmer. Was hat mich in diese Situation, in der ich mich gerade befinde, gebracht?

Oh. Ja. Bond, James Bond. Ein hervorragender Film, gesehen mit einer Herde anderer männlicher Wesen. Nach dem einen oder anderen Bier haben wir wohl, wenn mich mein Filmriss nicht täuscht, angefangen, uns auch als Doppel-Null-Agenten zu fühlen und sind auf den angrenzenden Weihnachtsmarkt gegangen. Wie sich jetzt, da die kalten Tropfen auf meine pulsierende Stirn tropfen, herausstellt, eine reichlich blöde Idee. Normale, männliche Wesen hören nämlich nicht auf zu bechern, wenn sie einen im Turm haben. Und so zogen wir bis weit nach Mitternacht über einen mittlerweile entvölkerten Weihnachtsmarkt, stürzten einen Glühwein nach dem anderen, gefolgt von anderen Alkoholika und das nächste, an das ich mich erinnere: Ich liege im Bett und werde durch ein Schütteln an der Schulter geweckt.  Als ich aus der Dusche komme und mich wieder wie ein richtiger Mensch fühle, sitzt sie schon im Wohnzimmer, die Kerzen leuchten, ein Geruch von Zimt, Mandel und Lebkuchen weht durch die heiligen Hallen dieses Hauses.

Ich wanke noch kurz in die Küche, will einen Schluck Wasser mit meiner Handvoll Aspirin mischen. Mein Blick streift die Wände entlang, die altbekannten Wände, die derzeit allerdings ihre fremde Seite zeigen, zuviel Weihnachtsschmuck. Ach und ja, der Kalender. Moment, heute ist doch der…

„Hast du meinen Kalender aufgemacht?“

„Du magst doch die Schokolade eh nicht!“

„Darum geht es nicht. Du kaufst mir den Kalender und ich soll mich auf Weihnachten freuen. Aber wie soll das funktionieren, wenn du ihn schon vorher aufmachst?“

„Ich konnte ja nicht davon ausgehen, dass du noch lebst, solche Sterbensgeräusche, wie du heute Nacht gemacht hast.“ Hmpf… Ich lese den Spruch und gehe ins Wohnzimmer. Sitzen ist auch gar nicht so schlecht. Hauptsache nicht stehen und gehen.

Sie ist an mich gelehnt, aus den Boxen klingt sanft Goldfrap und ich denke, dass der heutige Spruch gar nicht so falsch liegt:

Teilen heißt lieben. Lieben bedeutet Ruhe und Harmonie.

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