Das neunte, zehnte, elfte, zwölfte, dreizehnte Türchen

Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Asche auf mein Haupt und tausend Bußbitten. Es tut mir leid, aber ich hasse Abschiede. Und so brachte ich es Freitag nicht übers Herz, einen Abschiedsgruß an die zahlreichen Menschen da draußen zu schicken. Denn schon Freitag wusste ich, wie es um mich stand, was ich am Samstag zu tun hatte. Ja, gut, das ist vielleicht nicht unbedingt die Schwierigkeit, wenn man einen ordentlich funktionierenden Palm hat, der einem auch zu jeder passenden und unpassenden Zeit so richtig auf den Sack geht.

Liege ich nicht letztens – bei mir ist alles innerhalb der letzten sechs Monate „letzens“ – im Bett, die Nacht, die Lust, den Rausch an mir vorbeiziehend, da fängt dieses Drecksdings von Krachmacher an, wie wild um sich zu schlagen, diesmal allerdings nur akustisch. Ich schrecke hoch, sie schreckt hoch, ich wundere mich lautstark, was hier so einen Krach macht, sie brüllt, was denn hier so ein Krach mache.

Aber das ist nicht von Relevanz, ich verfange mich in Unwichtigem. Ich war auf Dienstreise. Von Samstag Mittag bis heute Mittag. Dienstreise heißt in unserem Unternehmen folgendes:

Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei diesem Unternehmen um eine WebDesign-Firma der ersten Stunde handelt, haben wir reichlich Partner, meist auch WebDesign-Firmen der ersten Stunde, manchmal auch irgendwelche reichen, superreichen Firmen, die sich nicht sonderlich für ihren Webauftritt interessieren, da das WWW an ihnen irgendwie vorbeigeritten ist. Einer dieser Partner ist – dem Pazifismus sei dank – ein Rüstungsfabrikant in Skandinavien. Er ist nicht ursprünglich einer, eigentlich ein Brotmaschinenhersteller. Doch nach Ende des Kalten Krieges gelang ihm irgendwie der Einstieg in die große Waffenindustrie. Niemand möge mich nun fragen, wie man von Brotmaschinen auf Schusswaffen kommt. Jedenfalls betreibt er die Brotmaschinenfabrik noch aus rein nostalgischen Gründen. Und wir versorgen, bearbeiten und aktualisieren immer und immer wieder diese einzigartige Webseite. Mehrere solcher Unternehmen, wenn auch keine weiteren Rüstungsfirmen, vertreten wir, und da wir eine, wie gesagt, kleine Firma sind, hat es sich eingebürgert, dass zur Dienstreise immer ein, zwei Leute, und dann immer unterschiedliche fahren konnten.

Dieses Jahr durfte ich nach Skandinavien. Australien letztes Jahr war voll der Reinfall- das Ozonloch dachte sich, brennen wir dem weißen Idioten doch die eine oder andere Hautschicht vom Pelz, da kümmert mich doch der doofe Sunblocker nichts-, ebenso die USA- sorry Jungs, aber irgendwie ist eine Rundreise durch die Läden mit der goldenen Möwe nicht das, was mir Spaß macht- vorletztes Jahr und Japan das Jahr davor- ich hasse übrigens auch Karaoke, wen es hier mal interessiert. Dieses Jahr stand nun Schweden für mich auf dem Plan. Und ich, als alter Freund des Nordischen, freute mir nicht nur einen Ast, nein, einen ganzen Baum.

Und Samstag machten wir uns dann mit einem Firmenwagen, die Karre mit dem Stern drauf, auf, die großen Seen zu erkunden. Mal wieder. Mal wieder mit Freude.

Leider war ich nicht drauf gefasst, dass es kurz vor Weihnachten ist. Und so schmetterte mir nicht nur die nervenaufreibende Stimme von Magda, der Sekretärin und Teilzeitmatratze des Chefs, um die Ohren, nein, es waren auch die echt deutschen Weihnachtslieder, die sich, gesungen von Karel Gott (den ich als Einzigen an der Stimme erkannte) und anderen, Einzug in mein Ohr verschafften. Gewaltsamerweise. Und voll Inbrunst.

Niemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, sechs Stunden über Dänemark „Stille Nacht, heilige Nacht“ in der Endlosschleife auf die Ohren zu bekommen.

Glücklicherweise waren aber die Kopfhörer meines MP3-Players recht gut isoliert. Dieser Umstand schnitt mich zwar auch von den Gesprächen der anderen ab, aber das schien gar nicht so schlecht. Bei dem einzigen Batteriewechsel vernahm ich nur eine hitzige Diskussion, was ein angemessenes Weihnachtsgeschenk für einen Zwölfjährigen sei- Lego oder PS2-Spiele. Mein Einwurf „Softporno-DVDs“ wurden überhört oder ignoriert.

Mir auch egal.

In Schweden nun war für uns ein eigenes Ferienhaus genau am größeren der beiden Seen, ich glaube, es war der mehr östlich gelegene (keine Ahnung, wie der heißt, außer „Hej“ als Begrüßung und „Plaatsende Barn“ für „Spielende Kinder“ ist mein Wortschatz auf Cider und Danke im Schwedischen begrenzt), gebucht und wir genossen die Tage dort oben. Denn, was niemand außerhalb der Firma weiß: Dienstreise heißt Urlaub auf Firmenkosten. So vor Jahren eingerichtet, so heute noch gültig. Wir hatten eine eigene Sauna, von der aus wir direkt in den nächsten (künstlichen???) Teich springen konnten und überhaupt hatten wir nicht nur einen herrlichen Blick über den See auf der einen Seite und in die unberührte weite Natur auf der anderen, sondern ganz einfach auch ein klitzekleines Städtchen ganz in der Nähe. In diesem Städtchen haben wir den einen oder anderen Abend vergnügt mit Schweden und Schwedinnen Brüderschaft getrunken, getanzt, gesungen und gelacht.

Und wir haben Weihnachten gefeiert. Ja, ich weiß, es ist noch nicht Weihnachten. Ja, und ich weiß, dass ich Weihnachten nicht leiden kann. Aber wir haben zusammen den zweiten Advent gefeiert. Wir waren bei einem Typen namens Tørn zum Adventskaffeeklatsch eingeladen. Ein wenig Kaffee trinken, viel Englisch und Deutsch (er hatte es von deutschen Pornofilmen gelernt, was seine Betonung manchmal offenbarte) reden und uns des Lebens und Schweden freuen. Dachten wir. Doch wir kamen in eine Art Dorffest. Tørn hatte uns zu Ehren das ganze Dorf mobilisiert und wir haben zusammen im Gemeindehaus gefeiert, getanzt, andächtig dem an Stimmen zahlreichen und starken Kinderchor (die Winter hier scheinen lang, kalt und langweilig zu sein) gelauscht.

Und ich fand es schön.

Sollte ich einen Therapeuten aufsuchen?

Bin ich wirklich in Weihnachtsstimmung?

Das kann ja wohl nicht wahr sein.

Als ich heute nach Hause kam, froh, sie endlich wieder zusehen, ging ich als zweites gleich zu meinem Kalender, denn die Lust auf Schokolade ist heute wirklich kaum zu bremsen.

Ich öffnete das neunte Türchen, das Wasser ran mir im Mund zusammen, da lugte mir statt der braunen Schokolade ein weißes Zettelchen entgegen:

Schulde dir ein Schokoadventskalenderstückchen, einzulösen nächste Adventskalendersaison.

Im zehnten Türchen:

Schreib noch eins dazu.

Im elften:

Und noch eins.

Im zwölften:

Noch ein Strich.

Im dreizehnten:

Besteh gleich auf einen ganzen Kalender.

Zur Rettung der deutsch-schwedischen Freundschaft im Ausland, werde ich daheim dreist ausgeraubt.

Dafür der Spruch im dreizehnten Türchen:

Weihnachten ist das Fest der Liebe und des Gebens. 

Da geb ich doch gern.

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