Das vierzehnte Türchen

Sie sprach das Unaussprechliche heute morgen am Küchentisch aus. Ich blätterte versunken im Lokalteil des Schmierblattes, kommentierte mal hier, mal dort die mehr oder minder wichtigen und interessanten Ereignisse und Ausschweifungen lokaler Polit- und Unterhaltungselite und schlürfte ab und an von meinem Kaffee.

Jedes Mal wurde dieses Schlürfen entweder mit einem Geräusch kommentiert, oder – der wahrscheinlichere und öfter eintretende Fall – es flog irgendetwas quer durch die kleine, fensterlose Küche.

Es störte sie sehr, dass die Küche fensterlos war, mein Gegenargument war allerdings, dass ein Fenster auf der Südseite direkt in das Schlafzimmer des Fast Food und Tschechenpornos liebenden Nachbarn zeigen würde, ein Fenster an der anderen Wand würde direkt ins Badezimmer des Death Metal liebenden Nachbarn zeigen. Ihr Gegenargument darauf war, dass dieses Badezimmer eh nie benutzt werden würde, wir dort also einen wunderbaren Indoor-Garten bauen könnten. Jedes Mal versprach ich, morgen fragen zu gehen.

„Ich glaube, du bist in Weihnachtsstimmung!“

„Hä?“

„An den Fragen eines Menschens erkennt man seinen Intellekt.“

HÄ?“

„Du summst.“

„Ich summe nicht.“

„Doch, du summst.“

„Wenn ich wirklich etwas summen würde, was, meine Liebe, summe ich denn?“

„Stille Nacht!“

„Nie im Leben. Nicht in tausend Jahren. Nicht, wenn die Hölle zufrieren würde.“

„Dann zieh dich mal warm an, denn du summst schon den ganzen Morgen dieses eine Lied.“

Ich schloss die Augen, dachte mich ein paar Sekunden zurück.

OH MEIN GOTT!

Sie hat Recht. Ich saß in Gedanken über der Zeitung überflog die Artikel und summte Stille Nacht.

Ich nahm einen großen Schluck aus meiner Tasse und täuschte ein etwaiges Zuspätkommen an. Sie durchschaute das Manöver natürlich, als ordentliche Web1.0-Firma hatten wir gar keine festen Arbeitszeiten, nur ein Auftragskontingent, dass es abzuarbeiten galt. Egal wann, egal wie. Hauptsache bis zur Deadline. 

Und nun stehe ich hier. Vor einem Typen namens Volker, der mir seine Lebensgeschichte erzählt. Er war mal Trucker, hat dann aber ein Problem mit den Augen gekriegt und Fahrverbot, jetzt jobbt er ab und an auf irgendwelchen Stadtfesten, hilft in Imbissbuden aus oder macht jede Drecksarbeit, die ihm gelegen kommt.

Ich gebe ihm noch einen Glühwein aus.

Sein Gerede ist nicht zum Aushalten, aber seine Stimme angenehm, deswegen nehmen meine Ohren seit einigen gefühlten Stunden schon keinen Sinn mehr hinter der Stimmmelodie mehr wahr. Ich stehe nur hier, trinke einen Glühwein nach dem anderen und lasse mich von dem Instrument namens Volker einlullen.

Warum?

Gute Frage. Sehr gute Frage. Nächste Frage. Nein, zurück zur Warum-Frage:

Ich glaube, dass ich Weihnachten nicht wirklich hasse. Ich habe eine Abneigung dagegen. Eine gewaltige. Aber es ist kein Hass. Ich sollte vielleicht mal eruieren, woher diese Abneigung kommt.

Aber lieber nicht heute. Heute ist nicht mehr viel mit mir anzufangen. Dann gehe ich lieber auch nicht ins Büro. Schnell noch eine SMS, dass ich nicht komme. 

Hi C. Komm nicht. Bis Morgen. R. Und dann noch schnell in den Kaufhof gewankt, ist ja erst zehne morgens. Und dann ab nach Hause.

Sie ist auch da.

„Musst du nicht arbeiten?“

„Du Flitzpiepe.“

„Hä?“

„Sag nicht hä!“

„Wieso Flitzpiepe?“

„Weil ich seit dieser Woche Urlaub habe.“

„Und woher soll ich das wissen? Ich bin erst seit gestern wieder hier.“

„Hättest ja fragen können.“

„Hättest ja was sagen können.“

„Hast du ne Fahne?“

„Ja.“

„Woher?“

„Von einem Flirt. Mit Namen Volker.“

„WAS?“

„Setz dich aufs Sofa, möchtest du einen Kaffee?“

„Au ja, ich hab da so Winterzauber-Capuccino besorgt. Mit Mandeln. Schmeckt nach Weihnachten.“

Ich atme tief durch, gehe in die Küche, mache ein abscheulich riechendes Gebräu fertig, plündere das heutige Türchen und lege die CD auf, die ich grad gekauft habe.

Weihnachtslieder. Vom Rat Pack. Ihr Gesicht solltet ihr sehen.

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