Ein Brezel-Fest des Live-Bloggings

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Grauenvoller Ort des grauenvollen Geschehens: Großer Hörsaal des Instituts für Medizinische Psychologie in Rostock.Ein Symposium zur Tumorthematik. Das Thema ist grundsätzlich interessant. Die Umsetzung eher stolpernd. Aber mehr dazu folgt live aus den Katakomben des Bloggings, sozusagen ein Live-Hörsaal-Blogging: 

 

10:54 Uhr:Die Langeweile ist zu groß geworden, ich habe beschlossen von diesem Symposium zu berichten. In den letzten 54 Minuten sind fünfmal die Poster von der Wand links neben mir gefallen, ich dreimal fast vom Stuhl (vor Lachen) und drei Referenten haben ihre Vorträge gehalten.Die erste hervorragend, die letzten beiden so, dass ich abschalten musste. Vor mir liegen zwei Poster, die verhindern, dass ich mit meinem Kopf auf die Bank knalle. Die zwei Espressi von vorhin verlieren ihre Wirkung und ich muss pinkeln. 

11:05 Uhr:Die beiden Herrschaften neben mir lesen den Sexratgeber in der NEON. In meiner NEON. Hauptsache, sie lernen daraus. Der derzeitig Vortragende redet über Diarrhoe und Ernährung per Rektaler Applikation, gespickt mit Kommentaren wie „…keine Ahnung was das heißt…“, soviel ich verstanden habe.Der Sexratgeber weckt Belustigung und Freude, sofern ich feststellen kann.Wird Zeit für ne Pause. Muss wirklich dringend die beiden Espressi loswerden. Ganz dringend.Hab entdeckt, dass die Hintertür schräg hinter mir offen ist. Der Fluchtweg ist gesichert. 

11:45 Uhr:Pause war eine gute Idee. Brezeln und Kaffee, von dem ich nichts abgekriegt habe. Aber Geld regiert die Welt und so kaufte ich einen besseren. Und da ich mich eh auf dem Weg der Verblödung empfinde, auch noch die passende Zeitung dazu (B_ _D).Das Symposium wird Gerüchten zufolge wohl noch bis drei gehen. Und ich habe schon jetzt keinen Bock mehr. Erstens, weil ich nichts verstehe (doofer Sitzplatz) und zweitens, weil es weitaus interessantere Sachen gibt. Derzeit. Meine Lachmuskeln brauchen mal ne Pause. 

11:55 Uhr:Mein Sitznachbar scheint genervt ob der Gespräche, die ich mit seiner Sitznachbarin wortwörtlich hinter seinem Rücken führe. Er will schlafen. Aber wie heißt es so schön: Wer abkackt, wird angemalt.Mir ist schlecht von den Brezeln. 

12:00 Uhr:Hervorragender Vortrag über prämorbide Krebspersönlichkeiten.Bin Typ C. Könnte ich drauf wetten.Die nächste Referentin kann kaum über das Pult schauen. 

12:05 Uhr:Pschüchisch ist kein Wort der deutschen Sprache. Züchologie ist mir auch noch unbekannt. So dumme Menschen sollten keine Fremdwörter benutzen, nur um intelligenter zu wirken. Geht garantiert nach hinten los. 

13:00 Uhr:Unser Poster kam sehr gut an. Layout (mein Erzeugnis) wurde gelobt. Nur eine alte Frau hat gemeckert. Keine Ahnung, wer das gewesen sein soll. Ist auch egal. Zahnlose werden ignoriert.Brezeln weiterhin lecker, Kaffee alle. Wieder einmal.Lust gen null, Spaßfaktor hoch.Bock auf Party. So.Kurzschreibweise fällt mir in letzter Zeit leicht. Grund unbekannt. 

13:10 Uhr:Den Leuten gefällt es, wenn man ihren Schritt photographiert.Marktlücke entdeckt? Schritt-Portraits? 

13:12 Uhr:Jetzt wurde auch auf Ausschnittphotos bestanden. Meine Nachbarin rechts schaut schnell nach, was sie verstecken muss.Meine Schuhe sind kaputt und meine Digicam heiß begehrt.Habe wirklich einen Trend entfacht: Schrittphotographie. 

13:20 Uhr:Hab grad überlegt, wie meine Kinder heißen würden. Wurde dazu aufgefordert. Käme natürlich nie von selbst drauf.Chantalle und Jaqueline sind keine Optionen. Nie im Leben. Und auch nicht als Doppelname.Chantalle Inge. Wär ja noch schöner. 

13:30 Uhr:Zusammenzug beschlossen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre. Die Tapete ist schon festgelegt. 

13:32 Uhr:Hab gemerkt, dass ich den Frauen meist aus der Hand fresse. Wortwörtlich.Im Gegenzug fressen sie mir aus der Hand. Sowohl wortwörtlich als auch symbolisch. 

13:35 Uhr:Wenn Frauen Bananen essen, kann dies durchaus erotisch wirken.Bei Brezeln klappt das nicht so gut. 

13:41 Uhr:Wahrscheinlich sollte es gerade erregend auf mich wirken, wie die beiden Frauen zu beiden Seiten stereo ihre Amicelli vernaschten.Ich allerdings kriege Bock auf einen Snickers. 

13:44 Uhr:Nie in einem Vortrag „So!“ sagen. Die Leute (so wie ich) machen sich auf jeden Fall lustig darüber. 

13:45 Uhr:Nutten und Haribo. Manche werden nie erwachsen. 

13:49 Uhr:Wer zuviel Hoffnung weckt,Verreckt.Wer nicht verreckt,Verdreckt.Wer nicht verdreckt, Achtet auf seine Hygiene. 

Brezeln sind das braune Gold des Proletariats. Hat Marx gesagt. Oder ich hab mich verhört. 

13:52 Uhr:Frauen bei dem Spruch „Ich muss pinkeln!“ das Angebot „Soll ich mitkommen, halten?“ zu machen, erscheint auf den ersten Blick vielleicht sinnlos.Bei näherer Betrachtung allerdings bleibt dieser Eindruck bestehen. 

13:55 Uhr:Und ich bleibe bei meiner Behauptung: „Ficken kann eine Lebenseinstellung sein.“Und in Tschechien gibt es eine Stadt, die Rozvoz heißt. Da ist der Name Programm. 

14:02 Uhr:Referenten werden von ihren Cliquen frenetisch gefeiert, selbst wenn die Vorträge geistige Diarrhoe waren. Furchtbar. Wo bleibt denn da der Realitätssinn?Wenn jemand scheiße ist, dann muss man es ihm auch sagen. Außer im Bett. 

14:08 Uhr:Je suis fatique.Je veux dormir. 

14:10 Uhr:Schmerzensschreie werden hier in der Umgebung eher belustigend zur Kenntnis genommen.Gut zu wissen.Das bringt mich auf eine perfide Idee.Oder… vielleicht… auch… ja. 

14:15 Uhr:Wenn man Leute auffällig intensiv beobachtet, macht sie das nervös.Nicken von der rechten Seite bestätigt diese Hypothese. 

14:18 Uhr:Gründung eines autonomen Staates auf deutschem Territorium ist verfassungsmäßig verboten.Jedoch stellt sich die Frage, inwieweit sich dies durch die Gründung eines Königreiches in den Köpfen umgehen lässt.Anfragen an den Verfassungsschutz folgen. 

14:20 Uhr:Photographen, die von der Seite photographieren und dabei diabolisch grinsen und hämisch lachen, sind mir supekt. 

14:23 Uhr:Die Behauptung, dass vier Prozent der Nichtgläubigen beten würden, erscheint mir paradox. 

14:27 Uhr:Memo an mich selbst: Niemals wieder mit Katholiken über Zufall und Gottes Existenz diskutieren. Die kommen ja eh nicht zur Vernunft. 

14:28 Uhr:„Mittlere“ Religiösität bedingt angeblich die geringste Depressionsrate.Meine Nachbarn von links sind zusammen verschwunden. Hoffentlich treiben die es nicht zu bunt. 

14:55 Uhr:Nüsse, ob gesalzen, geröstet oder natur, stellen immer ein verfängliches Thema dar, an dem Beziehungen scheitern können.Definitiv verfänglich. 

15:07 Uhr:Niemand will von meinen Nüssen naschen. 

15:20 Uhr:Photo-Sessions machen Spaß, wenn die Beteiligten nicht dauernd vor Angst mit einem großen Schreckensschrei aus dem Fenster springen. 

15:30 Uhr:Langsam (eigentlich schon vor vier Stunden) verlässt mich meine Konzentration. Den anderen geht es ähnlich.Manche spielen mit Lufttröten und verletzen sich dabei gefährlich am Auge, manche lösen Sudokus.Andere verlassen den Raum und beschäftigen sich anderweitig. Wie, das möchte ich hier nicht weiter ausführen. 

15:40 Uhr:Ob die Augen wirklich so stehen bleiben, wenn man schielt? 

15:42 Uhr:Vielleicht schaffen wir das offizielle Ende um 15:45 Uhr doch noch?! Das Mädel vorn spricht schon schneller, gleich ist es trab.Man darf gespannt sein. 

15:45 Uhr:Nach ein paar anschließenden Worten ist es geschafft.Ich packe meine Tasche und noch ein paar leckere Brezeln für die nächste Woche ein und verlasse voll Stolz über dieses Survivaltraining das IMP.Gern wieder. 

 

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2 Gedanken zu “Ein Brezel-Fest des Live-Bloggings

  1. Sehr schön, sehr schön.
    Auch sehr toll fand ich den Spruch vom Kropp: „Ach, ich sehe sie sind unruhig! Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass sie schon viel mitgenommen haben!“ Oh Mann, ohne Worte!

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