Dacapo.

Rose 

 

Sie tanzt durch die Wohnung, vorbei an der Küche, dem Wohnzimmer. Einmal quer durch den Hausflur. Und zurück. Eine Revue der Bewegung.

Sie bewegt die Lippen, singt zum Lied, doch ich kann sie nicht hören, höre nur die Melodien aus dem Lautsprecher. „Lord, give me grace and dancing feet…“ Es dröhnt durch das ganze Haus.

Mein Schreibtisch erzittert. Sie kommt aus dem Flur zu mir gehüpft. Springt von der Seite gegen mich, reißt mich vom Stuhl.

Sie überschreit die Musik. Ist lauter, als ich es je von ihr gehört habe.

Tonight make me unstoppable and I will charm, I will slice, I will dazzle them with my wit.”

Sie liebt dieses Lied. Ich liebe dieses Lied. Sie liebt dieses Lied durch mich. Sie liebt dieses Lied trotz mir. Durch dieses Lied liebe ich sie. Natürlich auch ohne. Aber dieses Lied ist eine Verbindung. Eine von vielen. Aber immerhin eine.

Wie sie hüpft, wie sie durch die Gegend schreit. Ihre Revue wird jäh beendet.

„Magst du dieses Lied?“ Ich nicke, rappele mich vom Boden auf, stelle den Stuhl wieder hin.  

„Was ist mit dir? Zuviel Zucker heute morgen? Keine Auslastung? Wenn du nichts zu tun hast, kannst du die Fenster putzen. Die haben es nötig.“

Sie lacht. Lacht über meine Bemerkung, lacht mich aus.

„Du denkst doch nicht, ich sei eine Putzfee, oder? Ich habe nicht die Hoheitsgewalt über die Fenster, also werde ich sie nicht putzen. Ich bin die Staubsaugefee, ich bin die Abtrocknefee, ich bin die Verantwortungstragfee. Aber für die Fenster und den Rest bist du verantwortlich.“

Ich lächele. Wie immer. Ich lächele immer, wenn sie so was sagt. Nicht, weil ich es mir angewöhnt habe. Sondern weil ich wirklich lächeln muss. Wenn ich sie ansehe, wenn sie mich ansieht, wenn ich ihr zuschaue, wie sie ihre Revue aufführt.

Jeden Tag eine andere, sie ist beschäftigter als die Staatsoper. Ich bin ihr Publikum, gebe Applaus, buhe aus, wenn es nötig wird. Ich bin der Kritiker, der Statist, die ganze Welt, die nur ihr zuschaut.

Und sie ist geneigt, dem Publikum immer und immer wieder Zugabe zu geben. Wie sie hier auf dem Boden liegt, sich die Seele aus dem Leib singt, dabei doch die meisten Töne richtig trifft.

Da möchte man laut „dacapo“ schreien. Das Publikum lechzt nach Zugabe.

Man ist geneigt dies in Erwägung zu ziehen…

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