Handarbeit

Madeleine Schwiers schraubte den Schutzdeckel des Thermometers ab und steckte es tief in das weiche, warme Fleisch.

„70,1 Grad – Schweinebraten.“ Ihre Kollegin trug gewissenhaft den Wert in die Tabelle ein. Jeden Tag das gleiche Prozedere. Die Temperatur des Mittagessens musste gemessen werden. Eine zweifellos überflüssige Tätigkeit, denn erstens wa das Essen meist ausreichend heiß und zweitens wurden im Fall der Fälle die Werte nach oben korrigiert. Hektik heiligt eben manchmal doch die Mittel.

Lehrschwester Madeleine war im zweiten Ausbildungsjahr. Das Mädchen für Alles und nichts Wichtiges- Herrin über Bettpfannen, Windeln und Thermometer. Die Hierarchie im Krankenhaus kann besonders erniedrigend sein. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Unschuldig leuchtete die rote Lampe über dem Patientenzimmer 414 auf. „Mir ist etwas übel.“- Herr Hüberlein verkündete gerade noch die frohe Botschaft ehe er sich ans Rückwärtsessen machte. Madeleine assistierte ihm bei der Entleerungsaktion und mit Fingerspitzengefühl befreite sie ihn von der Last seiner Dritten, welche in Schale glitten. Nach und nach wurden diese von Erbrochenem begraben. Und während Madeleine den grundpflegerischen Tätigkeiten nachging, steckte die Oberschwester den Kopf ins Zimmer: „Brauchen Sie noch lang, Mandy? Die Visite steht fast vor der Tür!“ – „Einen Moment wird es wohl noch dauern.“, antwortete Madeleine. „Beeilen Sie sich! Das muss ja auch noch alles frisch bezogen werden!“ Herr Hüberlein signalisierte ein Versiegen der Quelle und ließ sich ermattet in seine Kissen fallen. Hektisch räumte Madeleine alles zusammen und ging zur Spüle: Die Schale mit dem Halb-Verdauten in den Müll, das Bettzeug in den Wäschesack. Die Hände desinfizierend dachte sie an den nahenden Dienstschluss. Sie bewaffnete sich mit einem neuen Bettbezug und rannte ins Zimmer 414. Am anderen Ende des Flurs schlenderte eine Armee von Ärzten entlang. Madeleine hatte schon zu Beginn ihrer Ausbildung die Theorie: „Je höher der Rang, desto langsamer der Gang.“ aufgestellt. Skeptiker sahen dies nicht als Theorie, sondern als Tatsache. Das Gefühl der Sicherheit und das Vertrauen in das Pflegepersonal und Ärzte- dies sind Voraussetzungen für den baldigen Prozess der Genesung. Die nötige Mannschaft von acht Ärzten betrat das Zimmer von Herrn Hüberlein, um sich seiner Cholezystitis zu widmen. Eine Gallenblasenentzündung klingt auf Latein doch weitaus exotischer. Madeleine aß gerade den übrig gebliebenen Nachtisch einer verlegten Patientin, als Schwester Hannelores schnelle Schritte auf dem Flur zu hören waren. Den letzten Bissen hinunterschluckend schaute sie unschuldig zur Tür.

„Wo zum Teufel sind die Zähne von Herrn Hüberlein? Die Visite wartet! Und ohne Zähne kann Herr Hüberlein nicht sprechen!“ Madeleine eilte den Flur entlang, riss die Tür auf und erblickte eine leicht genrvte Ärztegruppe. Herr Dr. Schimmelhauer- Chef der Chirurgie- blickte die Lehrschwester entnervt an: „Haben wir sie gerade bei ihrer Mittagspause gestört? Wenn dies der Fall war, wäre ich untröstlich!“ Madeleine schwieg. „Könnten Sie uns vielleicht sagen, wie wir unsere Arbeit machen sollen, wenn sie das Gebiss von Herrn Hüberlein verstecken?“

Madeleine war ehrgeizig und fleißig. Sie war zwar nie die Klassenbeste gewesen, aber mit ihren Leistungen brauchte sie sich auch nicht zu verstecken. Doch wenn sie nervös und aufgeregt war, verwandelte sie sich in ein schüchternes Dummchen. Bei vielen Männern konnte dies wahre Wunder bewirken, die meisten fanden sie unwillkürlich süß und charmant. Und schon in so mancher Situation hatte ihr das sehr geholfen: bei mündlichen Leistungskontrollen in der Schule, bei der Fahrprüfung und beim Kennenlernen männlicher Artgenossen. Herr Dr. Schimmelhauer stellte eine Ausnahme dar. Mandys Herzschlag glich dem Flügelschlag eines Kolibri und das Blut stieg ihr in den Kopf. Jeder Mensch besitzt eine ganz individuelle Art, um mit solchen Situationen umzugehen. Manch einer redet besonders viel, ein anderer stottert vielleicht. Viele Menschen versuchen überlegen zu wirken, so als ob sie Herr der Lage wären. „Arrogantes Auftreten“ nennen es andere. Doch nur wenige ahnen, dass hinter dieser Fassade ein furchtbar unsicherer Mensch steckt.

„In diesem Krankenhaus gibt es Patienten, die auf mich angewiesen sind, die auf mein Fachwissen und meine Handfertigkeiten angewiesen sind. Ich bin Arzt geworden, um zu heilen und nicht, um auf inkompetentes Pflegepersonal warten zu müssen.“

Madeleine zählte langsam bis zehn. Wenn sie jetzt allein gewesen wäre, würde sie lauthals „Modern-Talking“-Songs singen. Sie wusste auch nicht warum, aber die Ausübung dieser Tätigkeit beruhigte sie ungemein. Ein jeder hat im Laufe seines Lebens Strategien entwickelt, um die Aufregung abzubauen.

„Wenn Sie überfordert mit der Ausbildung sein sollten, ist es vielleicht nicht das Richtige.“ Neun, Zehn. Madeleine atmete aus. Sie blickte Herrn Schimmelhauer an und stellte sich einen Norakettentragenden Dr. Schimmelhauer vor. Sie lächelte ein wenig. „Ich verschwende hier meine Zeit mit Warten, während wichtigere Dinge warten. Das Wort ‚Chirurg‘ bedeutet, ‚der mit den Händen heilt‘. Meine heilenden Hände retten Leben. Tun Sie mir den Gefallen und zeigen Sie mir, was das Wort ‚Schwester‘ bedeutet.“ Es klang nicht so, als ob das positiv gemeint war. In dem Patientenzimmer nebenan wurde die Klingel gedrückt.

„Ich geh die Zähne suchen.“, antwortete Madeleine. Herr Hüberlein versuchte sich zu Wort zu melden. Ein Wort klang verdächtig nach „Nierenschale“. Während der Chefarzt einen Schritt zurück trat, um den nahenden Wortschwall nicht für den restlichen Tag auf seinem Kittel tragen zu müssen, stürmte Schwester ‚Mandy‘ aus dem Zimmer. Sie war erleuchtet worden. Sie hatte die Dritten im Müllbeutel versenkt. Ihre Flucht wurde als berufliche Geistesgegenwärtigkeit gewertet. Besorgt wanderte Herr Dr. Schimmelhauers Blick zwischen Patient und Tür. „Wenn sie nicht gleich kommt….“

In Sachen Nierenschale ereignete sich nix, auch was die Füllung derer anbelangte. Herr Hüberlein wollte Madeleine ja nur auf die Sprünge helfen. Mathias Schimmelhauer verließ erbost das Zimmer und fand Madeleine in der Spüle während sie im Müll rumwühlte. An ihren Handschuhen klebte Erbrochenes. Verwundert blieb der Arzt stehen. „Warum-verdammt noch mal- durchwühlen Sie den Müll?“- „Ich hab versehentlich Herr Hüberleins Zähne weggeworfen.“ – „Wie kann so etwas passieren? Zeit ist Geld! Meine verlorene Zeit kostet mich mein Geld! Ich hab wirklich Wichtigeres zu tun als hier auf die Zähne eines Patienten zu warten, damit er mit mir sprechen kann. Ich hab um drei Uhr eine OP! Sie wissen doch: Ich bin der Mann, der mit den Händen heilt!“ Häuptling Schimmelhauer verließ die Spüle und ging den Flur entlang in Richtung Ärztezimmer. Herr Hüberlein würde wohl noch etwas warten müssen. Madeleine wusch und desinfizierte das Gebiss und brachte sie dem Besitzer, der im Nachhinein eine geschaffte Krankenschwester über seine Ersatzzähne im zweiten Fach seines Kleiderschrankes aufklärte. Kommunikation wird einfach viel zu oft unterschätzt.

„Der Herr Chefarzt hat sie ja ordentlich zusammengestaucht. Da kann ich getrost meinen Tadel zurückhalten. Möchten Sie eine Tasse Tee, Mandy?“, fragte Schwester Hannelore. Dankbar und überrascht nickte die Gefragte. „Na, dann könnten Sie mir ja eine Tasse mitmachen.“

Kein guter Tag. Madeleine stiefelte in die Stationsküche und setzte Wasser auf. Schwester Hannelore kam hinterher. „Sie könnten Herrn Dr. Schimmelhauer doch eine Tasse mit seinem Lieblingstee vorbei bringen und versichern, dass dieser Fehler einmalig war und nicht wieder vorkommen wird!“ Hannelore war eine ganz gewiefte, der Gebrauch des Konjunktivs signalisierte eine Entscheidungsmöglichkeit, doch der Ton machte die Musik. Madeleine bereitete eine Tasse Earl Grey zu und ging zum Ärztezimmer. Sie klopfte. Keine Antwort. „Wo kann er denn sein? Ich hab ihn doch hineingehen sehen…“ Wagemutig öffnete sie die Tür und sah Herrn Dr. Schimmelhauer mit dem Rücken zur Tür stehend mit halb heruntergelassenen Hosen. Der Herr Chefarzt musste wohl einen sehr hartnäckigen Ausschlag am männlichen Genitale behandeln, anders waren seine ruckartigen, schnellen Bewegungen nicht zu erklären. Schließlich bedeutet „Chirurg“ ja, „Der mit den Händen heilt!“ Hugh!

Schmunzelnd schloss Madeleine die Tür und plötzlich begriff sie, dass ein jeder seine Strategie zum Abbau von Spannungen entwickelt hat.

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