If I could start again

„All den Dreck kannst du haben.“ Das waren seine Worte. Nein, nicht ganz. Er zitierte Johnny Cash. „You can have it all, my empire of dirt.“ Er wusste nicht, dass Nine Inch Nails der Urheber dieser Zeilen waren. Das kann er gar nicht gewusst haben, es war nicht seine Musik. Johnny Cash war seine Musik. Also zitierte er Cash. Nicht NIN. Obwohl beides passen würde.

Cash war der „Man in Black“, der nahezu jedes Mal, wenn er die Bühne betrat, schwarz trug. Der die Trauer, die Melancholie, den Schmerz des Lebens im Herzen trug und kraft seiner Stimme nach außen transportierte. Cash, der genau das wieder gab, was ihm wichtig war. Nine Inch Nails sind Sargnägel. Zwanzig Zentimeter lange Sargnägel. Ein Sargnagel erklärt seine Funktion dank seines Namens. Und genau das ist es, war brauchte. Einen Sargnagel. Hunderte. Tausende. 

Er schoss sich in den Kopf. Mit einem Schrotgewehr. Er steckte sich den Lauf in den Mund und drückte ab. So wie Kurt Cobain. Aber auch der sollte ihm recht unbekannt sein. Ob er den Schuss noch hörte, kann mir keiner sagen. Möglicherweise, wahrscheinlich, war er sofort tot. Die Schrotkugeln hatten das Kaliber 12. Das bedeutet, dass die Hülse einen Durchmesser von 18,53 Millimetern hatte. Über anderthalb Zentimeter. Das Loch in seinem Kopf soll groß gewesen sein. Der Rückstoß der Waffe brach ihm die inneren Schädelknochen. Ich hoffe, er war sofort tot. Der Gerichtsmediziner sagte mir nicht, ob das Rückenmark durchtrennt wurde. Dann wäre der Schussverlauf parallel zum Mundboden gewesen.Oder ob er sich das Kleinhirn oder die Medulla oblongata oder die Brücke wegschoss. Dann wäre der Schussverlauf schräg nach oben hinten gewesen. So oder so. Er war sofort tot.

Er sagte mir seine letzten Worte nicht persönlich. Er sprach sie auf meine Mailbox. Ich machte mein Handy immer öfter aus. Ich brauchte Schlaf. Ich war immer für ihn da. Aber irgendwann konnte ich nicht mehr. Er rief an. Er wollte, dass ich dies und das für ihn erledige. Dinge, die er nicht mehr im Stande war, allein zu erledigen. Sich anziehen. Sich waschen. Sich bewegen. Ich war alles für ihn, sein Körper, damit er etwas machen konnte. Er konnte nur noch seine Hände, nicht mehr seine Arme bewegen. Seine Mimik war da, seine Gestik verschollen. 

Ich habe ihn umgebracht. Ich gab ihm das Gewehr. Er sagte, er brauche es. Ich solle nicht fragen. Ich habe es ihm gegeben. Ich legte es in seine Hände, richtete den Lauf aus, so wie er es wollte. Ich wusste, was er vorhatte. Ich wusste, was er tun wollte. Abbringen ließ er sich nicht. Tabletten schlug ich ihm vor. Er würde einschlafen. Nicht mehr aufwachen. Eine Spritze. Einen Sturz. Er wollte es theatralisch. Schmerzen seien irrelevant.

Ich holte sein altes Gewehr, richtete es aus und ging. Er wollte, dass ich gehe. Er rief mich an, hatte eine Freisprecheinrichtung. Sprach auf meine Mailbox. Ich brachte ihn um und er dankte mir.

Er brachte sich um und ich danke ihm.

Er hatte die Kraft, die ich nicht hatte.

Er hat allein geschafft, wozu ich nicht imstande war. 

What have I become?
My sweetest friend,
Everyone I know
Goes away in the end.
 

Goodbye, my dearest friend. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s