Rostock- Mittelpunkt der Welt…Anti-G8-Demo

Ich habe mir mal die Idee von Zmivv mit seinem Liveblogging abgeschaut. Gute Sachen darf man ja schließlich kopieren:-)

Gestern (1.6.2007)

Verbarrikadierte Läden. „Wir haben am 2.6. geschlossen“-Schilder. Menschen, die Hamstereinkäufe machen. Und ich gehöre zu ihnen. Eier sind keine mehr zu kriegen und die Schlange ist furchtbar lang. Eine leichte Stimmung von Hysterie liegt in der Luft. Panikmache hat noch nie weitergeholfen. Mal sehen, was morgen kommt…

2.6.2007

11 Uhr

Meine Wohnung liegt genau an der Demostrecke. Wenn ich auf meinem Balkon stehe, hab ich einen fantastischen Überblick. Bis jetzt ist aber noch nicht viel zu sehen. Ein paar mehr Menschen als sonst sind unterwegs, aber ansonsten nichts Spannendes.

11.13 Uhr

Hubschrauberlärm ist zu hören. Einer fliegt Richtung Bahnhof und bezieht Stellung in der Luft. Ich zähle 24 (!) Polizeiwagen, die zum Bahnhof fahren. Ich bin gespannt…

11.30 Uhr

Mein Vater rief soeben an. Mein Bruder sei auch bei der Demo. Ich werde mal nach ihm Ausschau halten, den dürfte ich in der Menge leicht erkennen. Dreadlocks hat ja schließlich nicht jeder. Vor der Stadthalle sehe ich rote Luftballons und eine große Menschenmenge. Hubschrauber sind wieder unterwegs.

13.20 Uhr

Ich höre Lärm. Von meinem Balkon aus sehe ich die Demonstrierenden. Ein lustiges Völkchen. Stimmung ist friedlich und ein Strom von Menschen fließt durch die Straßen. Die Straßenbahn fährt auch nicht mehr, also kann man auf den Schienen laufen. Engagierte G8-Gegner lassen auch die Köpfe der führenden Industriestaaten mitlaufen- Puppen von Blair, Putin und Bush stechen aus der Masse hervor. Polizisten stehen am Rande in einer Seitenstraße und beobachten das Geschehen. Zahlreiche Plakate, Banner und Schilder werden präsentiert: “ Lebe den Widerstand!“ und auch die finnischen G8-Gegner offenbaren ihre Botschaft „Mene uimaan!“ („Geh baden!“)

Ja, heute scheint Rostock mal der Mittelpunkt der Welt und Ziel internationaler Globalisierungsgegner zu sein. Ein Hauch von Anarchie liegt in der Luft.

13.45 Uhr

Die Polizei scheint woanders „gebraucht“ zu werden. Hektisch verlassen 4 Polizeiwagen ihren Überwachungspunkt. Währenddessen werden englische Reden geschwungen. „Shut down G8 2007!“

13.50 Uhr

Mal wieder sind Hubschrauber zu hören. Langsam beginnen sie zu nerven. Eine große Menge schwarz gekleideter Menschen marschiert vorbei. Ich kann mir nicht helfen, aber große, uniforme Menschenmassen sind mir nicht geheuer.  Sie tragen schwarz, sind vermummt und synchron werden irgendwelche Parolen geschmettert. Hoffentlich machen die keinen Ärger. Weitere Banner werden hochgehalten: „Kein Frieden mit den herrschenden Verhältnissen“ und „I :-( G8“. Ich halte Ausschau nach meinem Bruder und stelle fest, dass eine Menge Menschen Dreadlocks tragen.

13.55 Uhr

Allmählich lerne ich auch mal meine Nachbarn und die Menschen, die über und unter mir wohnen, kennen. Auch in dem Haus gegenüber drücken sich die Leute ihre Nasen an der Fensterscheibe platt. Musik ist zu hören. Rhytmisches Getrommel und sich passend dazu bewegende Menschen. Leider ist das Wetter nicht so gut wie die Stimmung. Jetzt kommen auch ein paar Trompeter und ein selbst gebasteltes trojanisches Pferd ist zu erkennen. „Gegen Gipfelmacht voll auf die 8!“

13.58 Uhr

Die Menschen werden nicht weniger. Alle marschieren friedlich vorbei. Es ist wirklich toll zu sehen, dass so viele Leute sich hier getroffen haben, um ihrer Kritik an der gegenwärtigen Politik Ausdruck zu verleihen. Ich frage mich, warum ich nicht auf die Idee gekommen bin, mitzulaufen. Zwar bin ich erkältet und habe somit eine ziemlich gute Entschuldigung, aber selbst, wenn dies nicht der Fall wäre, hätte ich wohl nicht teilgenommen. Aber warum eigentlich nicht?!

13.59 Uhr

Und schon wieder sind meine rotierenden Freunde in der Luft. Unten laufen Menschen in rosa Overalls rum.

14.04 Uhr

Ein Hubschrauber ist nun genau über meinem Wohnhaus. Unten spazieren junge Eltern mit ihren Kinderwagen vorbei. Und auch Großeltern schieben ihre Enkel im Strom der Demo mit. Frühkindliche politische Erziehung-vorbildlich!

14.07 Uhr

Eine große Lücke erscheint im Protestmarsch. Jedoch sehe ich hinten bei der Stadthalle immer noch Menschen. Die Quelle scheint nicht zu versiegen. Noch immer habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben meinen Bruder irgendwo in der Menge zu erkennen. Doch allmählich bekomme ich Hunger. Ich beschließe jedoch, mal meine Perspektive zu wechseln. Vom Flur aus habe ich einen Blick über die große Kreuzung bei dem Deutschen Med-Center. Ein Wahnsinnsausblick vom 8. Stock aus. Tausende von Menschen bewegen sich Richtung Lange Straße. Die Läden, die ich gestern gesehen und besucht habe, liegen nicht mal an der Demostrecke. Die ganzen Vorsichtsmaßnahmen sind ja schön und gut, aber das Sperrholz vor den Schaufenstern scheint mir in manchen Fällen doch zu übertrieben. Doch erstmal abwarten, mal sehen, wie es Montag aussieht.

14.15 Uhr

Musik ist wieder zu hören. Leider verstehe ich den Text akustisch nicht.

14.20 Uhr

Bei der Stadthalle ist keiner mehr zu sehen. Die Quelle ist versiegt. Allmählich ist es auch ruhiger und die Menschen, die gerade unten vorbeilaufen, sind etwas weiter zerstreut und leiser.

14.23 Uhr

Die Grünen marschieren vorbei. Pace-Flaggen werden hochgehalten.

14.33 Uhr

Ich sehe meinen Bruder! Es folgt ein zweifellos sinnfreies, einminütiges Gespräch über Handy ( „Hallo, guck mal nach oben!“- „Hallo!“ – „Was hast du gesagt?“) und Gewinke. Trotzdem schön. Ich wusste doch, dass ich ihn schon erkennen werde in der Masse. Zum Schluss der Demo wird es wieder richtig voll auf den Straßen.

14.35 Uhr

Ein lila Ballon fliegt an meinem Balkon vorbei. Auf diesem steht: „Daniela, wo bist du?“ Ich bin gerührt von dieser altmodischen Form der Kommunikation in unserem hochtechnologisierten Zeitalter. Hoffentlich finden sich die beiden noch.

14.45 Uhr

Die Demo ist zu Ende (zumindest vor meinem Haus). Die Polizei fährt gerade mal wieder mit Blaulicht Richtung Bahnhof. Und bis auf ein wenig Papiermüll sieht alles genauso aus wie vorher.

18.05 Uhr

Im Fernsehen wurden Bilder vom Stadthafen gezeigt. Auseinandersetzungen zwischen Autonomen und Polizei. Ein Auto wurde angezündet, die Polizei setzt nun Wasserwerfer ein. Schade, dass die anfangs so friedliche Demo nun so enden muss.

18.30 Uhr

Es fahren ständig Krankenwagen vorbei. Hubschrauber kreisen in der Luft. Laut Nachrichten und Internet sind 150 Polizisten verletzt. Mehrere Autos angezündet, Straßenbarrikaden errichtet worden. Es herrscht hier eine Art Ausnahmezustand. Warum musste es so weit kommen?

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