Das vierte Türchen

Eine Weihnachtsgeschichte (1)

 „Wichtel Nummer 372!“, die künstliche Stimme des elektronischen Meldesystems hallte durch die Gänge. Von fern hörte man das Trippeln kleiner Füße, die immer, immer näher kamen. An der Servicestation blieb der alte, schlappohrige Wichtel stehen und legte seine Hand auf den Touchscreen.

Eine andere künstliche Stimme verkündete in feierlichem Tonfall: „Wichtel Nummer 372 erkannt. Bitte warten Sie auf Ihre Konferenzschaltung.“ Der Handumriss, der zum Auflegen der Wichtelhand aufforderte, wurde dunkel und ein Meer aus schwarzem und weißem Geflitter flammte durch den spärlich beleuchteten Gang. 

„Guten Morgen, Wichtel 372.“ Die Dame auf dem Bildschirm war ihm unbekannt. Sie trug einen Hosenanzug und schwarze, streng nach hinten gekämmte Haare. „Tach“, murmelte er leise.

„Wichtel 372, die Rechnungsabteilung hat festgestellt, dass Sie dreizehn Prozent unter dem Produktionssoll stehen. Dies ist schon die zweite Verwarnung. Damit wird Ihr Monatsgehalt um zwanzig Prozent gekürzt.“ Er brummte widerwillig. Sie haben natürlich die Möglichkeit, Ihren Lohnverlust durch längere Arbeitszeiten wieder auszugleichen. Melden Sie sich dafür bei Ihrem Chief Assistent Manager.“ Der Bildschirm wurde dunkel und der Wichtel trabte langsam wieder den Gang zu seinem Arbeitsplatz zurück. 

Wie sehr sehnte er sich nach der Zeit, als der Weihnachtsmann nicht nur noch eine Marionette der Konzernleitung war. Seitdem die Aktien mehrheitlich von einem internationalen Hedge-Fond aufgekauft worden waren, hatten sie ihn nicht mehr gesehen. Und alles hatte sich geändert. Die Produktion war drastisch erhöht worden, die Löhne wurden gesenkt. Selbst die Zustellung an Heiligabend und Weihnachten wurde nicht mehr vom Weihnachtsmann persönlich ausgeführt. Eine Reihe von Zustellern sorgten in den jeweiligen Ländern für die pünktliche Lieferung der Geschenke. Es war auch bedeutend preiswerter als die vielen Ausnahmegenehmigungen bei der Behörde für Zeitmanipulation und die Kosten für die Überflugsgenehmigungen in über zweihundert Ländern. 

Alles hatte sich verändert. Aber Wichtel 372, früher hieß er noch Wendolin, aber Namen sollten angeblich billiger sein, war sich sicher, dass es nicht zum Positiven war. 

Fortsetzung folgt…
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