Das siebte, achte und neunte Türchen

Eine Weihnachtsgeschichte (2) 

Wendolin schlurfte durch die Gänge. Feierabend. Endlich. Drei Stunden über dem Normalmaß hatte er heute gearbeitet. Nur, damit sich sein Lohnverlust auch nur um ein paar Prozentpunkte ausgleichen konnte. Er konnte es sich nicht leisten, noch mehr zu verlieren.

Damals, als der Weihnachtsmann und seine Frau alles im Alleingang geregelt hatten, hatte ein Weihnachtself alles, was er brauchte. Eine Hütte, ein warmes Feuerchen und immer einen guten Braten, eine Flasche Wein und eine Zuckerstange im Haus. Und wenn eines der Dinge mal wirklich und wahrhaftig aus sein sollte, konnte man getrost zum dicken Alten gehen und ihn anpumpen. Er zauberte schon was Nettes aus seinem Sack hervor. 

Doch irgendwann hatte sie ihn verlassen. War einfach gegangen. Vorher ein Rundum-Lifting-Paket aus dem Sack geklaut (Jahrhunderte hinterlassen auch ihre Spuren) und dann ab mit dem viel strammeren Knecht Ruprecht.

Balearen. Da hatte man sie zuletzt gesehen.

Und mit dem Alten ging es bergab. Er ließ sich gehen, seine Kleidung verwahrloste. Essensreste sammelten sich in seinem Bart. Und die Rentiere gingen auch nach und nach ein. 

Bis irgendwann eine Multinationale Firma vor seiner Weihnachtspforte stand. Es war mitten im Sommer. „Hyper-Global-Compu-Mega-Net“. Eine extralange Visitenkarte, damit der Name auch direkt draufpasste.

Ein Milliardenangebot. Einfach nur für den Nordpol, die Symbolfigur des Weihnachtsmannes und alles drum und dran.

Im Suff und vor Müdigkeit blind sagte er zu. 

Seitdem galt am Nordpol die 80-Stunden-Woche. Es gab keine Gewerkschaft und keine Arbeitnehmergesetze, die das hier hätten verbieten können. Außerdem wurden Weihnachtselfen nicht als Menschen eingestuft. Sie unterlagen nicht den Menschenrechten.

Die Konzernleitung war wahrscheinlich eine gewissenlose Maschinerie, darauf aus, Geld zu machen, aber Unmenschen… Nein, das waren die Personen in den Aufsichtsräten bestimmt nicht.

Obwohl… In der letzten Zeit munkelte man immer öfter über Elfen, die verschwunden waren. Nicht mehr zur Arbeit auftauchten. Oder wenn sie wieder auftauchten, dann völlig verändert. Verschüchtert, anders.  

Wendolin atmete tief ein, zog an seiner Zigarette – nur so konnte er den harten Arbeitsalltag überstehen. Jeder der Elfen hatte in der letzten Zeit eine Sucht entwickelt. Zigarettenkonsum war noch eine der am wenigstens gefährlichen. Und außerdem standen jedem Raucher zwei Minuten Pause pro Stunde extra zur Verfügung, denn das „Hyper-Global-Compu-Mega-Net“ war nicht nur Besitzer des Nordpols, sondern auch Teilhaber bei „Laramey-Zigaretten“, einem der größten Konzerne der Welt. 

Endlich war er an seiner Wohnstätte angekommen. Nein, er hatte keine Hütte mehr. Die wurden recht schnell nach der Übernahme abgerissen. Die Elfen wohnten jetzt in großen Schlafstätten. Gemeinschaftssäle. Gemeinschaftsduschen. Etagenbetten. Großküche. Mit Minimalausgaben für Nahrungsmittel.

Aber jeder hatte seinen eigenen kleinen Spind. Wendolin stand nun vor seinem. Er hatte die Kombination im Kopf, manche Elfen vergaßen sie oft wieder. Oft war der Alkohol schuld daran. Sie ließen sie sich manchmal auf den Unterarm tätowieren. Oder ließen ihren Spind gleich aufgebrochen. Sie hatten eh nichts von materiellem Wert. 

Auch Wendolin nicht. Alles, was in seinem Spind war, passte in eine kleine, braune Jute-Tasche.

Eine grüne Elfenmütze von früher – jetzt mussten sie alle Haarnetze tragen.

Ein Weihnachtskärtchen vom Chef persönlich, mit dickem HoHoHo.

Eine Zuckerstange. In Folie verpackt.

Eine rote Schleife. Seidiger Stoff. Er fühlte sich immer warm und sanft an. Auch, wenn die Säle mal wieder unbeheizt waren und die Elfen zitternd in ihren Betten lagen. Und der Stoff roch nach Lebkuchen.

Und ein Photo. Von seiner alten Hütte. Das Feuer prasselte im Kamin, er konnte es noch hören. Der Braten stand auf dem Tisch. Und das Glas seiner Frau und seines waren mit rotem, süßem Wein gefüllt. 

Wie vermisste er das alles. Sein früheres Leben, seine Hütte, seine Frau. 

Mit der Schleife in der Hand und dem Photo auf der Brust schlief er langsam in dem harten, stinkenden Etagenbett ein. 

Fortsetzung folgt…

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