Das zehnte, elfte, zwölfte und dreizehnte Türchen

Teil (1)

Teil (2)

Eine Weihnachtsgeschichte (3)

Es war ein schöner Traum, den Wendolin träumte. Während sein Körper im kalten, übel riechenden Schlafsaal auf einem harten Bett lag und die Ausdünstungen der anderen Elfen wie Wolken langsam durch den Raum waberten, war sein Geist nicht an einem anderen Ort. Nur in einer anderen Zeit.

„Wendolin, träumst du?“ Seine Frau stelle ihm einen großen Teller mit einer großen Portion gebratener Entenbrust vor das Gesicht.

„Ach, ich habe nur überlegt, wie gut wir es doch haben. Draußen schneit es dicke, weiße Flocken und hier bei uns prasselt das Feuer im Kamin. Wir haben ein Dach über dem Kopf und Braten auf dem Tisch. Uns geht es gut.“

Er griff nach dem Teller und wollte sich mit der Gabel ein Stück Fleisch angeln. Doch in dem Moment, da die Gabel in das Fleisch eindrang, wurde es grau und zerkrümelte zu Staub.

Schweißgebadet schreckte er aus dem Schlaf hoch. Erst, nachdem er sich umgeblickt hatte, wurde ihm klar, wo er war. Was passiert war. Was los ist. Sofort sehnte er sich wieder nach dem Traum.

Er schwang sich aus seinem Bett und suchte nach seinen Zigaretten. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Leise vor sich hinmurmelnd ging er hinaus.

Es schneite. Aber der Schnee, der hier seit ein paar Jahren fiel, hatte nicht mehr viel mit dem großen, weißen, fluffigen Schnee zu tun.

Er war grau, klebrig, irgendwie nass.

Und er brannte fürchterlich auf der Zunge.

Man erzählte sich, dass er krank mache. Das komme wohl von den großen Schornsteinen, die Tag und Nacht dunklen, fast schon schwarzen Rauch in die Luft bliesen.

„Hey, du bist doch 372, oder?“ Ein alter Wichtel mit langem grauen Bart stand neben ihm und rauchte eine billige, stinkende Zigarre.

Wendolin hielt ihm die Hand hin.

„Wendolin ist mir lieber.“

Der Alte ergriff seine Hand.

„Mir auch. Ich bin Waldemar.“

Sie standen längere Zeit nebeneinander. Still. Schwiegen.

Waldemar hustete ab und an. Und manchmal, wer er sein Taschentuch wieder zusammen faltete, sah man Spuren roten Blutes auf dem grau-braunen, knittrigen Stoff.

„Früher“, brummte er dann jedes Mal. „Früher hätte es das nicht gegeben.“

Und jedes Mal brummte Wendolin zustimmend.

„Wendolin, da muss man doch was tun“, rief er mit einem Mal so laut aus, dass Wendolin fast seine Zigarette hätte fallen lassen.

„Muss man, muss man.“

Der Alte schüttelte den Kopf.

„Nein, Junge. Nicht man. Wir müssen das ändern. WIR! Niemand anders kann das tun.“

Wendolin brummte zustimmend, ließ seine Zigarette in den Schnee fallen und beobachtete noch kurz das letzte Ringen der Glut ums Überleben und ging dann wieder hinein in das Gebäude.

Zum Frühstück saßen Hunderte von Wichteln im grauen, tristen Essensraum.

Sie saßen vor grauen Schüsseln mit grauem, süßem Haferschleim gefüllt.

Man konnte die Apathie der Wichtel in der Luft riechen. Sehen. Schmecken.

Aus einer hinteren Ecke wurde es plötzlich laut.

Eine bekannte Stimme drang Wendolin ins Ohr. Waldemar stand auf einem Tisch und brüllte durch die riesige Halle.

„Wacht doch einmal auf, Leute! Wir sind Sklaven! Wichtel haben keine Rechte!“

Er brüllte so laut, dass sich seine Stimmte überschlug. Sie schien zu brechen.

Manche umstehenden Wichtel raunten sich etwas zu. Man konnte „Spinner!“, „Demenz!“ und „Quatsch!“ hören. Aber viele hörten interessiert zu und flüsterten sich leise „Recht hat er!“ und andere Zugehörigkeitsbekundungen zu.

Plötzlich sprang die Tür zum Saal auf und zwei Wachmänner, gepanzert und in schwarz gekleidet, stürmten herein. Wichtel, die im Weg standen, wurden weggedrängt. Manche wurden regelrecht durch die Gegend geschleudert.

„Wichtel 729, Du stehst unter Arrest wegen Verstoßes gegen deinen Arbeitsvertrag. Mitkommen!“

Waldemar spuckte einem von ihnen auf die Schutzscheibe des Helmes.

Man sah einen Stock, man hörte einen Schrei und Waldemar wurde vom Tisch gezogen.

Waldemar stürmte durch die Reihen, lief auf den Tischen entlang.

Er brüllte durch den Raum: „Lasst ihn los. Er hat doch nur seine Meinung gesagt.“

Der zweite Wachmann hielt inne und schien mit jemandem zu reden. Dann holte er mit seinem Stock aus und traf Wendolin seitlich am Kopf.

Bevor es um ihn schwarz wurde, hörte er wie aus der Ferne:

„Wichtel 372, Du verstößt hiermit gegen deinen Arbeitsvertrag. Du kommst in den Arrest.“

Fortsetzung folgt…

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