Das 19te, 20ste, 21ste, 22ste und 23ste Türchen

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4 

Eine Weihnachtsgeschichte (5)

Wendolin war wieder auf seiner harten, übel riechenden Gefängnis-Pritsche eingeschlafen, als ein großer Knall die Wände erzittern ließ. Er schoß aus dem Schlaf hervor und stand nahezu sofort neben seinem Bett.

Die Dunkelheit war gewichen. Aus der Ferne des Ganges konnte man Gebrüll und Geschrei hören, der Lichtschein von Feuer tauchte die Szenerie in ein leuchtendes Orange.

 

Er trat an die Gitterstäbe und versuchte, etwas mehr sehen zu können. Aber sein kleiner, ovaler Wichtelkopf wollte nicht annähernd durch die Gitterstäbe passen.

„Hallo?“ Er brüllte durch die Gänge. Niemand meldete sich.

Er brüllte noch mal. Wenigstens Waldemar sollte ihn doch hören, oder?

 

„He, du bist doch Wendolin!“ Ein Weihnachtself, die mit den spitzen Ohren und der manchmal etwas tuntigen Mimik und Gestik, kam zu ihm an die Gitter gerannt. Wendolin kannte ihn nicht.

„Ja. Und?“

„Alter, was du losgetreten hast, verändert hier so einiges. Aufstand, Junge, Aufstand. Die Konzernleitung ist geflüchtet. Die Wachen haben sich davon gemacht. Einige Produktionshallen brennen. Es ist wie im Film, Mann!“

Wendolin schüttelte den Kopf. Wie konnte er so etwas losgetreten haben? Er?

 

Der Elf befreite ihn aus seinem Gefängnis und führte ihn den Gang hinunter, hinaus aus dem Gebäude.

 

Als er ans Tageslicht trat, brannten ihm die Augen, er hatte wohl länger als gedacht im Dunkel der Zelle gesessen. Das Licht des grauen Schnees blendete ihn und er brauchte ein paar Minuten, bis er die Hand wieder hinunter nehmen konnte.

 

Was er sah war ein Schlachtfeld. Ein paar Wichtel, die auf dem Boden lagen und von einem notdürftig gebildeten Sanitätsdienst versorgt wurden. Verbrannte Häuserreste, die hier und da die Wege säumten. Es hätte ein Kriegsschauplatz sein können.

 

„Und es ist keiner mehr von ihnen hier?“ Der Elf schüttelte den Kopf. „Niemand.“

Wendolin nickte und kramte nach seinen Zigaretten.

„Und der Alte?“ Der Elf wies den Weg zu einem kleineren Gebäude, das früher einmal zugehörig zum Sanitärtrakt war.

„Er ist da. Ziemlich mitgenommen. Aber soweit geht es ihm ganz gut.“

 

Wendolin betrat das Zimmer, in dem er lag und warf einen ersten flüchtigen Blick auf den Weihnachtsmann. Die Arbeit für den Konzern hatte ihn ausgemergelt. Er war dünn geworden. Seine Wangen eingefallen.

Wahrscheinlich hatten sie ihm sein Kostüm zu den öffentlichen Auftritten immer ausgestopft. Oder die Bilder digital nachgearbeitet. Hatte man ja auch für Lindsay Lohan in diesem Familienfilm mit dem kleinen Käfer auch gemacht.

 

„Wendolin, dich habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen! Komm her!“ Der Weihnachtsmann winkte ihn zum Bett heran, auf dem er lag.

„Ich habe gehört, dass wir das dir zu verdanken haben?!“

Wendolin schüttelte den Kopf.

„Nein, nicht wirklich. Ich habe nur Waldemar geholfen, als er in Schwierigkeiten war…“

„Und damit hast du bewirkt, dass auch die anderen sich aufgerappelt haben, etwas zu bewegen. Sie wollten dir helfen. Und dadurch halfen sie sich selbst.“

Wendolin schluckte.

„Es tut mir leid, was ich euch da angetan habe. Ich war verzweifelt, nicht bei mir. Ich hätte nie den Nordpol verkaufen dürfen.“

Wendolin klopfte ihm jovial auf die Schulter, wenn der Alte lag, kam man bequem heran.

„Nicht der Rede wert. Niemand ist gestorben. Naja, nicht viele jedenfalls. Und das kriegen wir schon wieder hin. Allerdings befürchte ich… Weihnachten wird wohl dieses Jahr ausfallen.“

Der Weihnachtsmann hatte sich mittlerweile aufgesetzt und nickte langsam.

„Soll es doch ausfallen. Dann merken die Menschen endlich, was sie wirklich an uns haben. Und nächstes Jahr wird es dann umso schöner. Komm, Wendolin, wir werden mal schauen, wie es den Rentieren geht.“

Und beide verließen das Krankenquartier.

 

Ende.

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