Das Spiel des Schicksals mit dem Leben des Justus Braun

[Vorab, weil Bedenken und Beschwerden kamen: Dieser Justus Braun existiert nicht. Er ist erstunken und erlogen, was diesen Text zu einer Geschichte macht. Danke für das Verständnis und die Aufmerksamkeit.]

Jedes Mal, bevor Herr Justus Braun das Haus verlässt, erzwingt er Stuhlgang.

Dieser Satz steht in der Personalakte Herrn Brauns. Die Tatsache, dass dieser Satz in dem seitenlangen Dokument steht, ist Herrn Braun nicht bewusst. Ebenso wenig weiß er um den einen oder anderen prekären Fakt, der die Intimsphäre des angestellten Advokaten empfindlich berührt.


Aber er ist wahr. Herr Justus Braun erzwingt jedes Mal, wenn er das Haus verlässt, Stuhlgang. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch nennt man diese Angewohnheit eine anerzogene Zwangsneurose. Herr Braun kann gar nicht anders, als vorher noch einmal auf die Toilette zu gehen. Nicht, dass ihn das Gefühl seines arbeitenden Darmes stören würde. Es ist auch nicht die Tatsache, dass er seine Toilette unbenutzt zuhause hinterlassen würde. Herr Braun hat eine ungeheure Angst, plötzlich auf der Straße zu sterben.


Er könnte umfallen, wie vom Blitz getroffen. Er könnte von einem Lkw erfasst werden. Er könnte von einer Brücke stürzen und ertrinken, er könnte Opfer einer Geiselnahme werden und im anschließenden Feuergefecht der Kugel anheim fallen.

All diese Todesarten verbindet ein Faktum: Stirbt der Mensch, verlässt ihn seine Willkürmuskulatur, die Muskeln erschlaffen. Auch die Darmmuskulatur ist davon betroffen. Und so würde Herr Braun, verließe er das Haus mit gefülltem Darm, im Falle des plötzlichen Ablebens sich in die Hose machen.


Die Angst vor einer mit Stuhl beschmutzten Hose, selbst wenn er tot ist, erfüllt ihn schon sein halbes Leben.

Er wachte manchmal des Nachts schweißgebadet auf, noch dem Nachhall eines Alptraums hechelnd, in dem er sich die Hose beschmutzte.

Wie er zu dieser Angst kam, weiß Herr Braun nicht mehr. Viel zu viele Jahre des erzwungenen Toilettenbesuchs liegen schon hinter ihm. Mittlerweile macht er sich auch keine Gedanken mehr darum. Die Routine hat sich eingespielt.


Ungefähr eine halbe Stunde, bevor Herr Braun das Haus verlässt, begibt er sich zur Toilette. Manchmal ist dies eine unheimliche Anstrengung, Stuhlgang zu erzwingen setzt voraus, dass nicht immer der Körper bereit zu dieser Aktion ist.

Deswegen kam Herr Braun auch des Öfteren zu spät zu der einen oder anderen Verabredung. Man munkelte manchmal schon ob der Unzuverlässigkeit des Herrn Braun, aber dieser Verdacht der Unzuverlässigkeit wurde schnell durch das Auftreten und das äußere Herrn Brauns beiseite gewischt.


Fortsetzung folgt.

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