Die Prinzessin und der Fischer

Es war vor langer, langer Zeit einmal eine wunderschöne Prinzessin mit ebenholzdunklem Haar und kristallblauen Augen.

Sie war klug und fleißig, half dem Koch des Schlosses ab und an beim Kochen und kannte jede Blume des Königreichs beim Namen. Es war ein kleines Königreich zwar, dennoch hatte es viele weite Felder, an deren Rändern die herrlichsten Blumen zu Tausenden wuchsen.

Das ganze Volk liebte sie, sie wurde bejubelt und begrüßt, wohin sie auch kam.

Und auch sie liebte das ganze Volk. Sooft sie konnte, ging sie unter die Leute und erzählte und begrüßte, feierte und gratulierte.

Einem aber galt der größte Teil ihrer Liebe. Er war ein Fischer, der königliche Fischer. Groß gewachsen, stattlich und schon seit Kindertagen war er und die Prinzessin ein Herz und eine Seele.

Doch ein Mann neidete ihr Glück.

Der Hofmarschall hasste den Fischer. Er wollte auch so beliebt sein wie er. Er wollte auch so gut aussehen. Er wollte all das haben und all das sein, was der junge Fischer war und hatte.

Vor allem aber wollte er die Prinzessin und damit das halbe Königreich für sich.

Schon oft hatte der Hofmarschall versucht, den Fischer hereinzulegen, hetzte ihm Räuber auf den Hals, bezichtigte ihn verschiedenster Verbrechen, die er nie begangen hatte und auch nie begehen würde, und machte ihm das Leben so schwer er nur konnte.

Doch an diesem Tage heckte er den finstersten Plan aus, den er je gefasst hatte.

Es wurde stürmisch, die See nah des Schlosses raute auf und hohe Wellen spülten Gischt an den Strand. Der Hofmarschall machte ein kleines Ruderboot los, ließ es auf See treiben und beobachtete mit Freude, wie die mannshohen Wellen mit dem Boot spielten und es hin- und herschleuderten.

So schnell er konnte, lief er zurück ins Schloss, es war Zeit für das Frühstück der Prinzessin. Er eilte in die Küche, nahm ihr silbernes Tablett und ging damit zum Gemach der Königstochter.

Vor der Tür zog er ein kleines Fläschchen aus den Tiefen seines dunklen Umhangs und schüttete den klaren Inhalt in den Tee der Prinzessin.

Als er ihr das Frühstück serviert hatte und sie auch nur einen einzigen Schluck des dampfenden Tees getrunken hatte, sank sie sofort in einen tiefen Schlaf.

Der Hofmarschall indes verließ hastig die Kammer, schloss die Tür hinter sich ab und eilte hinaus zum Dorf.

Dort berichtete er dem Fischer, dass die Prinzessin auf den See hinausgefahren sei. Plötzlich wäre das Wetter umgeschlagen und sie dem grausamen Wasser ausgesetzt.

Der Fischer fuhr, so schnell er konnte, hinaus in die peitschenden Wellen.

Der Sturm riss seine Segel entzwei, die Wellen zerschmetterten sein Steuerruder.

Sein Boot wurde hin und her geworfen. Das Deck wurde überspült, die Planken brachen.

Der Fischer sprang von Bord, wollte aber nicht sich selbst retten, sondern weiter nach der Prinzessin suchen. Dafür gab er all die Kraft, all den Willen, den er hatte.

Er kämpfte sich durch die Wellen, setzte alle Kraft ein, um endlich seine Geliebte zu finden, doch die Wellen spielten ihm übel mit.

Der Hofmarschall beobachtete den Todeskampf vom sicheren Ufer aus.

Als der Fischer in den Fluten nicht mehr zu sehen war, machte er sich langsam auf den Weg zurück zum Schloss.

Selten hatte man den Hofmarschall in so freudiger Stimmung gesehen, so hocherfreut, dass er sich die Hände rieb.

Am nächsten Tag erwachte die schöne Prinzessin.

Ihre Zofe berichtete, die Trümmer des Fischerbootes seien angespült worden. Doch der Fischer war nirgends zu finden.

Der Verrat und die Hinterlist des Hofmarschalls wurden schnell bemerkt und der König jagte ihn eigenhändig aus dem Schloss. Aber die Prinzessin eilte nur zum Seeufer.

Sie stand vor der spiegelglatten Oberfläche und wartete.

Und weinte. Tränen flossen über ihre Wangen, tropften auf ihr Kleid.

Sie flehte, sie weinte, sie warf sich in den Sand.

Der Tag verging, die Prinzessin wartete noch immer am Ufer.

Ihr Vater, der König Höchstselbst, kam zum See und versuchte, sie wieder ins Schloss zu bringen.

Doch sie blieb am Ufer, weinend und wartend.

Tage vergingen und die Prinzessin wurde blass und schwach.

Und eines Tages machte sie einen Schritt nach vorn. Sie hörte die Stimme des Fischers, ihres Fischers, zwischen den Wellen. Er rief sie.

Das Wasser war nicht kalt, sie spürte kaum, wie sie immer tiefer in das dunkle Nass watete.

Die Prinzessin schritt voran, Wasser umspülte ihren Bauch, ihren Hals, ihr Haar.

Sie versank und tauchte, wie der Fischer, nie wieder auf.

Der König war so traurig, so niedergeschlagen über den Verlust.

Und mit ihm trauerte das ganze Volk.

Das Königreich verging an diesem Schmerz und diesem Verlust.

Das Schloss verfiel, die Ländereien verwilderten.

Das Königreich wurde verlassen und vergessen.

Noch heute stehen die Grundmauern des alten Schlosses neben dem großen See.

Die Leute, die in den Weiten des ehemaligen Königreiches Leben, nennen ihn den „Prinzessinnensee“.

Und wenn ein Fischer, ein junges Mädchen oder Liebende jemals auf dem See in Not geraten, taucht eine blasse, dunkelhaarige Schönheit mit kristallblauen Augen aus den Fluten auf.

Sie sieht traurig aus, leidend, aber doch geleitet sie die in Not geratenen heil an das rettende Ufer zurück.

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