Anna und der Engel

Anna blickte mich aus großen, verträumten Augen an.
„Ich habe einen Engel gesehen. Der war ganz doll groß und ganz doll nett.“
Ich strich ihr langsam und sanft um die Wangen, streichelte ihr Haar.
„Erzähl mir mehr.“ Ich glaube, ich habe geflüstert. Doch es war so gespenstisch still, dass sie es verstand.
Mit typisch kindlicher Miene sprach sie aufgeregt und schnell.
„Das war ein ganz großer Engel. Er sah aus wie ein Mädchen.“ Ich vermochte nichts zu sagen, nickte nur.
Alles, was sie sagte, deutete ich als ein Produkt ihres Wahns, bestialischer, dämonischer Fieberwahn.
Die kleinen, fünfjährigen Augen füllten sich mit Tränen, sie flüsterte.
„Der Engel hat gesagt, dass er mich mitnehmen will. Er hat mich gefragt, wo ich hin will.“
Mir lief eine Träne über die Wange. Ich wischte sie weg und hoffte, dass Anna es nicht gesehen hat. Mit zittriger Stimme fragte ich: „Und? Wo willst du hin?“
Wieder glänzten ihre Augen und ein Lächeln ließ mich neuen Mut schöpfen.
„Ich will überall hin. Ich will die Indianer sehen, ich will Max und Moritz sehen. Ich will Alice im Wunderland besuchen. Ich will dahin, wo die Engel wohnen.“
Ich strich ihr übers Haar.
Ich sagte ihr, dass sie dort überall hinkommen könnte.
Nur heute müsse sie schlafen. Morgen vielleicht.
Sie schloss ihre Augen und schlief langsam ein.
Während ich ihrem Atem lauschte, löschte ich das Licht, verließ das Zimmer aber nicht.
Das war die Nacht, in der meine Tochter mit einem Engel auf Reise ging.

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