Beltz und das Herz

Höhöhö. Der dicke Beltz rattert wieder sein Lachen auf meiner Couch. Es ist keine gute Couch. Sie ist braun, sie ist ledern, sie klebt, sie ist kalt. All das merkt der dicke Beltz nicht. Er hat die Couch wahrscheinlich noch nicht einmal angeschaut. Er setzt sich nur immer. Er setzt sich genau in die Mitte. Die Stahlstrebe, die den Rahmen der Couch bildet, ist vorn durchgebogen. Nicht stark, aber stark genug, dass man es sehen kann, wenn man am anderen Ende des Raumes steht. Der dicke Beltz sitzt immer auf dieser Stelle, wenn er bei mir ist. Er setzt sich nicht links, nicht rechts in die Ecke, immer in die Mitte. Nie hinten an die Polster, sondern immer vorn auf die Stahlstrebe. Er sitzt dort, leicht nach vorn gebeugt, die Beine überkreuzt und unter die Couch geschoben. Soweit, wie die verbogene Stahlstange es zulässt. Und er lacht. Höhöhö.
Wie ein Maschinengewehr. Höhöhöhöhöhö. Ratatatatatat. So lacht der dicke Beltz. Es ist kein unangenehmes Lachen, aber ein sehr markantes. Man will fast mit ihm lachen. Es ist albern, es ist stumpf, aber es ist sein Lachen. Und er lacht immer. Selbst, wenn ihm nicht nach Lachen ist.
„Weißt du, wenn man sich verliebt, dann kann man sich vielleicht für immer verlieben.“ Er sagt manchmal sehr tiefsinnige Sätze, die er mit einer Pause beendet. Diese Pause nutzt das Gehirn, um genauer über den Satz nachzudenken. Und dann wird man im Nachdenken gestört. Durch sein Höhöhö. „Man kann sich vielleicht für immer verlieben. Oder man kann sich für immer kaputt machen.“ Er erzählt selten etwas von sich. „Und wenn man sich dann kaputt gemacht hat, dann ist man nicht komplett kaputt. Das Herz ist kaputt. Es ist gesplittert. Man selbst ist nicht kaputt. Nicht von außen. Außer, es war eine sehr gewaltsame Trennung. Höhöhö.“ Man kann nur nicken, das Höhöhö lässt keine Erwiderungen zu. Es ist ein Satzzeichen. Ein Ausrufezeichen. Höhöhö. Basta!
„Und wenn das Herz dann gesplittert ist, dann muss man es eben wieder zusammen setzen. Es kleben. Wie eine kaputte Vase. Wie eine Erinnerungsstück, das man nicht einfach so wegwerfen kann.“ Manchmal kommt auch kein Höhöhö. Seiner Theorie nach kann man mit so ziemlich allem kleben. Schokolade. Alkohol. Spiel. Geschlechtsverkehr hat er noch nie genannt. Der dicke Beltz ist auch nicht die Art von Mensch, die Geschlechtsverkehr sagen. Er würde machen sagen. „Es machen.“ Es umschreiben. Sollte er Geschlechtsverkehr – oder, Gott bewahre, Sex – würde er mit seinem Höhöhö- Maschinengewehr-Geratter gar nicht mehr aufhören können.
„Und wenn man es klebt und es fehlen ein paar Stückchen, dann ist das nicht schlimm. Bei einer Vase wäre das schlimm. Dann hält sie ja kein Wasser mehr. Bei einem Herz ist es nicht ganz so schlimm. Das Blut läuft ja nicht aus. Ist ja nur ein sprichwörtliches Herz. Wenn da ein paar Stücke fehlen, verliert man ja kein Blut.“ Manchmal glaube ich, er erzählt so viel, so erklärend, so detailliert, weil er mich für blöd hält. „Wenn dann ein paar Stücke fehlen, verliert man nicht nur nicht Blut, sondern auch keine Gefühle. Die laufen nicht so einfach aus. Die bleiben an der Innenwand kleben, schwimmen weiter im Herzen. Aber erst, wenn es wieder zusammen gesetzt wurde. Nicht, wenn es zersplittert ist.“ Manchmal glaube ich, er erzählt so viel, so erklärend, so detailliert, weil er sich selbst seine Gedanken erklären muss. Als wäre er nicht selbst grad drauf gekommen, sondern jemand anders, der ihm erst mal seine Gedanken erklären muss. „Denn wenn da ein Stück oder ein paar Stücke in deinem Herzen fehlen, weil du es ja zusammen gesetzt hast, dann können diese Stücken Herz nicht mehr verletzt werden. Und dann kann das Herz an der Stelle ja gar nicht zersplittern. Weil da ja nichts mehr ist, was kaputt gehen kann. Das ist dann ein Stück deiner Selbst, das nicht verletzt werden kann, weil da nichts zum verletzen ist. Je öfter dein Herz also zersplittert und je mehr du es falsch zusammen setzt, desto schwerer verletzbar wird dein Herz.“
Weil da nichts mehr zum Verletzen ist, weil da nichts mehr zum Verschenken ist, weil da nichts mehr zum Lieben ist. Denke ich. Ich komme nicht dazu etwas zu erwidern. Der dicke Beltz lacht. Lacht sein Höhöhö. Ratatat. Ich denke, er lacht seinen Schmerz weg, denn wenn man Teile seines Herzens verliert, und seien es noch so kleine, tut das unheimlich weh. Immer wieder. Immerzu.

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